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Buchfehler
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Hellstorm
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Beitrag #11
RE: Buchfehler
Das stimmt, er ist wirklich sehr gut zu lesen. Ist ja oft bei solchen Büchern. Im Grunde genommen will ich dort ja auch keine wissenschaftliche Abhandlung lesen, so dass kleinere Fehler nicht schlimm sind.

Das gleiche gilt auch für Ken Follet. Ich habe seine beiden Mittelalter-Romane und jetzt die drei Romane aus dieser Jahrhundert-Trilogie gelesen, und auch wenn sicherlich einiges falsch war, habe ich doch auch vieles etwas anschaulicher mitbekommen als das in einem Geschichtsbuch der Fall wäre.

やられてなくてもやり返す!八つ当たりだ!
28.02.15 10:36
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Reedmace Star


Beiträge: 182
Beitrag #12
RE: Buchfehler
Gestern habe ich mir eine sarkastische Bemerkung zum Thema Dan Brown und Buchfehler noch verkniffen, aber nach den zuletzt aufgelaufenen Apologien will ich jetzt doch ein bisschen dagegenhalten.

(28.02.15 10:15)Firithfenion schrieb:  … so recherchiert er doch besser als mancher andere Unterhaltungsschriftsteller.

(28.02.15 10:36)Hellstorm schrieb:  … kleinere Fehler …

Es gehört wohl zum Erfolgsrezept des Autors, dass er sehr gut suggerieren kann, besser informiert zu sein, als er ist. Tatsächlich knüpfen seine Schilderungen nur bemerkenswert sporadisch an die Realität an: hier ein realer Ort, dort der Name einer existierenden Institution, dazu historische und wissenschaftliche Schlagworte. Um diese vereinzelten Fakten herum konstriert er, ohne sein Vorstellungsvermögen durch tatsächliche Zusammenhänge weiter einschränken zu lassen, sehr gekonnt ein Gesamtbild, dass deutlich realer wirkt, als es ist.

Das funktioniert so lange sehr gut, wie die Leser es nicht besser wissen, und davon kann Brown offenbar in der Regel ausgehen, schon allein deshalb, weil er Orte und wissenschaftliche Disziplinen so bunt zusammenwürfelt. Wenn er sich aber doch in einem Bereich tummelt, in dem man sich ein bisschen auskennt, wirkt das sehr entzaubernd, stärker auch als bei anderen Schriftstellern.

(28.02.15 10:15)Firithfenion schrieb:  Diabolus war wohl sein erster Roman und obwohl es allem in allem gut gelungen ist, hat er sich offenbar auch die Kritiken zu Herzen genommen und konnte sich in seinen folgenden Romanen dann deutlich steigern, besonders mit der Schaffung seines Protagonisten Robert Langdon.

Mein Referenzpunkt ist Angels and Demons, deutsch: Illuminatikratz, ein Nach-Diabolus-Roman mit Langdon. Das soll ernsthaft schon ein geläuterter Dan Brown gewesen sein, der sich „die Kritiken zu Herzen genommen“ hat?

Es geht ja nicht nur um den großen, plotrelevanten Unsinn wie etwa, dass das Forschungszentrum CERN, dem er nebenbei einen eigenen Stratosphärenjet andichtet, makroskopische Mengen von Antimaterie produziere und dass ein angehender Terrorist sie auch noch einfach in einem tragbaren Spezialbehälter entwenden könne. (CERN sah sich seinerzeit aufgrund zahlreicher Anfragen zu einer ausführlichen Gegendarstellung veranlasst.) Dass die „wissenschaftlichen“ Erklärungen zum Thema teils haarsträubend ausfallen, selbst wo sie reale Physik betreffen – geschenkt.

Besonders ernüchternd fand ich aber, dass sich das Primat der Fantasie bis zu mondänen und eigentlich vergleichsweise leicht recherchierbaren Umfeldinformationen hinunterzieht. So illustriert Brown seine Schilderungen mit Orts- und Gebäudebeschreibungen, bei denen jeder, der einmal dort war, sich nur verwirrt am Kopf kratzt. Gerade diese Nebensächlichkeiten tragen aber für den unbefangenen Leser viel zum scheinbar authentischen Gesamteindruck bei.

Ich gönne ja von Herzen jedem ein naives oder durch gut trainierte Fähigkeiten in der Disziplin suspension of disbelief enttrübtes Lesevergnügen, da habe ich grundsätzlich selbst etwas Übung. Aber Ausdrücke wie „gut recherchiert“ oder „kleine wissenschaftliche Fehler“ sind im Zusammenhang mit diesen Werken wirklich fehl am Platz.
28.02.15 14:34
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Firithfenion


Beiträge: 1.201
Beitrag #13
RE: Buchfehler
(28.02.15 14:34)Reedmace Star schrieb:  Es geht ja nicht nur um den großen, plotrelevanten Unsinn wie etwa, dass das Forschungszentrum CERN, dem er nebenbei einen eigenen Stratosphärenjet andichtet, makroskopische Mengen von Antimaterie produziere und dass ein angehender Terrorist sie auch noch einfach in einem tragbaren Spezialbehälter entwenden könne. (CERN sah sich seinerzeit aufgrund zahlreicher Anfragen zu einer ausführlichen Gegendarstellung veranlasst.)


Nun ja. Alles in allem lassen sich in deinem Beitrag nicht viele Fakten finden die mich von deiner Meinung überzeugen könnten. Blumige Worthülsen wie "..ein naives oder durch gut trainierte Fähigkeiten in der Disziplin suspension of disbelief enttrübtes Lesevergnügen" sind für mich keine überzeugendes Argumente.

Die Antimaterie wird in dem Roman von dem anfangs ermordeten Wissenschaftler mit Hilfe eines von ihm neu entdeckten Verfahrens/Prinzips hergestellt. Selbst der Direktor des CERN ist darüber erstaunt und will es erst nicht glauben. Daraus wird für den aufmerksamen Leser klar, das es sich hier um Fiktion handelt. Aus dem Roman geht für einen aufmerksamen Leser nicht hervor dass das CERN gegenwärtig offiziell makroskopische Mengen an Antimaterie produziert.

Weiterhin kann ich mich nicht an eine konkrete Jahreszahl für die Handlung erinnern. Es kann auch eine nahe Zukunft sein, so das nicht alles beschriebene zum aktuellen Zeitpunkt existieren muss. Gib doch mal Gegenbeispiele für für deiner Meinung nach besser recherchierte Unterhaltungsromane, bei denen man aber beim Lesen nicht einschläft.

Truth sounds like hate to those who hate truth
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 28.02.15 16:42 von Firithfenion.)
28.02.15 16:39
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Reedmace Star


Beiträge: 182
Beitrag #14
RE: Buchfehler
(28.02.15 16:39)Firithfenion schrieb:  Nun ja. Alles in allem lassen sich in deinem Beitrag nicht viele Fakten finden die mich von deiner Meinung überzeugen könnten.

Verzeih, meine Beschäftigung mit Angels and Demons dürfte ein gutes Jahrzehnt zurückliegen, und war nicht erfreulich genug, als dass ich Lust hätte, es jetzt noch einmal auszugraben und auseinanderzunehmen, um in einer Internetdiskussion recht zu behalten.

Das schöne, recht diplomatische CERN-Spotlight zum Thema hätte ich im vorigen Beitrag schon verlinkt, wenn es auf der Webseite noch zu finden gewesen wäre. Jetzt habe ich es mal in der Wayback-Machine des Internet Archive herausgesucht. Daraus greife ich exemplarisch einen Punkt heraus, der mich seinerzeit beim Lesen auch besonders befremdet hat. Das zugehörige Foto ist leider nicht mit archiviert worden.

CERN Spotlight Angels and Demons schrieb:Does it [CERN] consist of red brick buildings with white-frocked scientists running around carrying files?

No, that is rather far from reality: we have mostly white buildings made of concrete and the scientists wear everyday clothes and they mostly do not carry files.

Dan Browns Beschreibung der Forschungseinrichtung hat so wenig mit der Realität zu tun, dass man nur zu dem Schluss kommen kann, dass er im Zuge seiner tollen „Recherche“ nicht einmal Fotos davon gesehen hat.


(28.02.15 16:39)Firithfenion schrieb:  Die Antimaterie wird in dem Roman von dem anfangs ermordeten Wissenschaftler mit Hilfe eines von ihm neu entdeckten Verfahrens/Prinzips hergestellt. Selbst der Direktor des CERN ist darüber erstaunt und will es erst nicht glauben. Daraus wird für den aufmerksamen Leser klar, das es sich hier um Fiktion handelt. [...]
Es kann auch eine nahe Zukunft sein, so das nicht alles beschriebene zum aktuellen Zeitpunkt existieren muss.

Hier demonstrierst du gerade eindrucksvoll die angesprochene suspension of disbelief (die deutsche Übersetzung „Willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit“ war mir bis eben nie begegnet). Der Verweis darauf war übrigens keineswegs herablassend gemeint; dafür praktiziere ich das selbst viel zu häufig.

Überhaupt missverstehst du mich offenbar: ich habe kein Problem mit fiktionalen, fantastischen Elementen in Unterhaltungsromanen
an sich. Mich stört es nur, wenn diese ernster genommen werden, als sie es verdienen, und dazu verführt gerade Dan Brown mit seinen geschickten Einstreuungen realer Elemente in besonderem Maße. (Die Fragen, die das CERN in ihrem Spotlight beantwortet, haben sie sich nicht selbst ausgedacht.)

Anders formuliert: Ich habe wenig gegen Dan Browns Werke an sich, wohl aber gegen die Fiktion, sie seien „gut recherchiert“.


(28.02.15 16:39)Firithfenion schrieb:  Gib doch mal Gegenbeispiele für für deiner Meinung nach besser recherchierte Unterhaltungsromane, bei denen man aber beim Lesen nicht einschläft.

Die Werke von Umberto Eco. Nein, bei denen schlafe ich nicht ein.
28.02.15 20:10
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Firithfenion


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Beitrag #15
RE: Buchfehler
(28.02.15 20:10)Reedmace Star schrieb:  Die Werke von Umberto Eco. Nein, bei denen schlafe ich nicht ein.

Umberto Eco finde ich auch sehr spannend. Allerdings ist er auch kein so produktiver Romanschriftsteller, das man da regelmässig etwas zum lesen hätte. Bei Eco scheint sich seine Fachkenntnis auch auf mittelalterliche und antike Schriften zu beschränken. Wenn man seine allgemeinen Essays liest, in denen er über Gott und die Welt plaudert, dann merkt man schnell das er auch nur mit Wasser kocht und beileibe nicht soviel Ahnung hat wie es ihm seine Fanboys andichten wollen, wenn er sich mal zu etwas anderem als seine verstaubten alten Folianten äussert.

In einem Essayband - ich glaube es war "Derrick oder die Leidenschaft für das Mittelmaß" ging es bei ihm mal um kostenlose Sexseiten im Internet. Eco hatte an seiner Uni von Studenten und auch Professoren immer mal wieder Getuschel über aufregende kostenlose Sexseiten im Internet gehört. An einem langweiligen Abend machte er sich dann mal - aus rein wissenschaftlichem Interesse wie er mit einem Augenzwinkern anmerkt - auf die Suche nach solchen Seiten. Er gab also so etwas wie: "Sexseiten + kostenlos" in eine große Suchmaschine ein und wühlte sich durch die Ergebnisse. Alles was er fand waren Lockangebote die zwar mit dem Schlagwort "kostenlos" warben, aber in Wahrheit alles andere als kostenlos waren. Alle von ihm gefundenen Seiten verlangten die Eingabe von Kreditkarteninformationen bevor man irgend etwas zu sehen bekam, oder man sollte sich dubiose Software auf den Rechner laden, was Eco klugerweise vermied. Nach mehreren Stunden erfolgloser Suche kam er zu der brillanten Schlußfolgerung, das diese Gerüchte von "tollen kostenlosen Sexseiten" nur ein weiterer Fall einer urbanen Legende wären. Sozusagen eine moderne Urban Legend des Internetzeitalters.


Anmerkung: Zu der Zeit als Eco dieses Essay schrieb (etwa um 1999), war es tatsächlich nicht ganz einfach, kostenlose Sexseiten im Internet zu finden. Youtube und Youporn waren noch nicht erfunden und wenn man so primitiv suchte wie Eco in dem man einfach "kostenlos" in eine große Suchmaschine eingab, konnte man solche Seiten natürlich nicht finden, das wäre ja etwas zu einfach.

Ich habe mich schon immer für das Thema Internetrecherche und Informationssuche im Internet interessiert. Deshalb konnte ich schon damals über Ecos unbeholfene Versuche der Internetrecherche nur nachsichtig lächeln. Etwas zu suchen indem man es einfach in eine Suchmaschine eingibt, klappt ganz wunderbar solange es um Dinge wie die Namen der Präsidenten eines Staates, Informationen über die Elemente des Periodensystems oder ähnliche harmlose Informationen geht. Wenn man aber wirklich interessante und begehrte Sachen sucht, wie Dinge die wirklich kostenlos sind, stösst man mit Suchmaschinen schnell an seine Grenzen. Hier muss man oft Methoden der indirekten Recherche anwenden oder zumindest clevere Suchbegriffe als "kostenlos" + "Erotik" eingeben. Um es kurz zu machen. Ecos Behauptung die kostenlosen Sexseiten wo man wirklich nichts bezahlen oder heimtückische Software herunterladen musste wären eine "urbane Legende des Internets" gewesen, war Unsinn. Es gab sie zu dem Zeitpunkt als Eco dieses Seiten zu suchen versuchte tatsächlich. Wahrscheinlich war Eco aber bei den anderen Professoren von denen er diese Hinweise aufgeschnappt hatte, nicht beliebt genug, als das sie ihm konkrete Tipps gegeben hätten hoho

Truth sounds like hate to those who hate truth
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 01.03.15 10:34 von Firithfenion.)
01.03.15 10:28
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Buchfehler
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