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Nächtlicher Gang
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yamada


Beiträge: 957
Beitrag #1
Nächtlicher Gang
Aus Friedrich Rückert (Nächtlicher Gang)
Zitat:Die Fahnen flattern
im Mitternachtsturm;
Die Schiefern knattern
Am Kirchenthurm;
Ein Windzug zischt,
Die Latern verlischt -
Es muß doch zur Liebsten gehn!
Wer kann mir bitte erklären, ob es bei obigem Satz 'Es muß doch zur Liebsten gehn!' gemeint ist,
'ich muss doch zur Lebsten gehen', oder
'es muss einen Weg zur Liebsten geben'?
Oder gibt es noch andere Möglichkeit?
Vielen Dank im Voraus.
28.01.09 03:14
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Fred


Beiträge: 134
Beitrag #2
RE: Nächtlicher Gang
Hallo,

beide Varianten halte ich für möglich -- abhängig von der Gesamt-Interpretation des Gedichts. Der Erzähler beschreibt, was man als seinen nächtlichen Weg zur Liebsten auffassen kann. Auf dem Weg beobachtet er Unheimliches/Gespenstisches, das er relativ neutral schildert und was ihn nicht auf seinem Weg zu hindern scheint, und in der letzten Strophe findet er, dass das "Fenster, dahinter sie ruht", von zwei Gespenstern bewacht ist:

Dort vor dem Fenster,
Dahinter sie ruht,
Stehn zwei Gespenster
Und halten die Hut;
Drin schläft die Braut,
Ächzt im Traume laut...

Es bleibt offen, ob er die Liebste erreicht. Da er sich auf seinem bisherigen Weg von nichts Unheimlichen hat abhalten lassen, darf man vielleicht schließen, dass ihn auch die Gespenster nicht hindern, die Braut zu erreichen. Damit gilt sowohl "Ich gehe zur Liebsten, weil ich gehen will/muss", als auch: "Es muss einen Weg geben, trotz aller Hindernisse".

Viele Grüße

Fred

[Nachträglich hinzugefügt:] http://www.recmusic.org/lieder/get_text....xtId=14132

Gruß

Fred

Time flies like an arrow. Fruit flies like a banana. (Groucho Marx)
Time’s fun when you’re having flies. (Kermit the frog)
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 28.01.09 09:30 von Fred.)
28.01.09 09:22
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Lori


Beiträge: 533
Beitrag #3
RE: Nächtlicher Gang
(28.01.09 11:14)yamada schrieb:Aus Friedrich Rückert (Nächtlicher Gang)
Zitat:Die Fahnen flattern
im Mitternachtsturm;
Die Schiefern knattern
Am Kirchenthurm;
Ein Windzug zischt,
Die Latern verlischt -
Es muß doch zur Liebsten gehn!
Wer kann mir bitte erklären, ob es bei obigem Satz 'Es muß doch zur Liebsten gehn!' gemeint ist,
'ich muss doch zur Lebsten gehen', oder
'es muss einen Weg zur Liebsten geben'?
Oder gibt es noch andere Möglichkeit?
Vielen Dank im Voraus.

Ich wuerde sagen: sowohl, als auch.
Einerseits ist klar, dass das lyrische ich selbst geht, andererseits ist das "es muss" ein Anzeichen dafuer, dass er den Weg zur Liebsten entgegen aller Widrigkeiten finden moechte.

http://japanbeobachtungen.wordpress.com

29.01.09 02:35
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yamaneko


Beiträge: 2.709
Beitrag #4
RE: Nächtlicher Gang
Mich beschäftigt das Gedicht auch, ich habe sogar Rückert Biographien gelesen und wäre gerne in der Nähe einer Bibliothek um die 12 Seiten zu lesen:http://www.rueckert-forschung.de/rueckert-forschung.html
Max-Rainer Uhrig: Jugendkrise und Altersweisheit - Friedrich Rückerts Gedicht „Nächtlicher Gang”.

Und ich überlege die ganze Zeit: es ist eine verbotene Liebe, das Wort "Braut" im letzten Vers,
ist irreführend. Eine offizielle Braut hat keine Albträume und der Bräutigam geht nicht in der
Nacht und sieht Gespenster.
Ist die Altersweisheit eine Erfahrung, daß man sich noch verlieben kann, auch wenn man schon seit Jahrzehnten verheiratet ist? Ist das Mädchen Muslimin - da Rückert Orientalist ist - will er zur Liebsten, oder drängt das ES, das noch gar nicht von S. Freud "erfunden " war auf den Weg? Die Gespenster, die bewachen, sind das die Brüder, die auch heute noch aufpassen auf Mädchen?
und yamada darf wählen welche seiner Vorstellungen ihm besser gefällt. Alles ist erlaubt glaube ich.
[Bild: icon_prof.gif]yamaneko
Edit: Albtraum/Alptraum nachgelesen und korrigiert! rot

[IMG]http://www.boxhamsters.net/smilies/icon_prof.gif[/IMG] Geschenk von shakkuri zum 80.Geburtstag
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 29.01.09 12:42 von yamaneko.)
29.01.09 03:47
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shinobi


Beiträge: 920
Beitrag #5
RE: Nächtlicher Gang
(28.01.09 09:22)Fred schrieb:Damit gilt sowohl "Ich gehe zur Liebsten, weil ich gehen will/muss", als auch: "Es muss einen Weg geben, trotz aller Hindernisse".

Nur Version 2 macht Sinn

Es muß doch zur Liebsten gehn!
(Hier muss es doch zu Liebsten gehn' !)
= Hier muss (= ich bin ziemlich sicher) es einen Weg zu Liebsten geben.
Das "Ausrufezeichen" ist ebenfalls ein Indiz für die 2. Version.
30.01.09 18:16
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yakka


Beiträge: 578
Beitrag #6
RE: Nächtlicher Gang
(30.01.09 16:16)shinobi schrieb:Nur Version 2 macht Sinn
Das "Ausrufezeichen" ist ebenfalls ein Indiz für die 2. Version.
Das sehe ich nicht so. Du brauchst nur das "doch" durch "jetzt" zu ersetzen. Auch der Kotext (all die widrigen Umstände wie Sturm und kein Laternenlicht) spricht gegen Deine Interpretation.
Es gibt ein stilistisches "es" am Satzanfang - statt "wir lachen" heißt es dann "es wird gelacht", statt "Ihr sollt essen" heißt es "es wird gegessen!". Im hier thematisierten Satz geht es darum, dass ein übermächtiger Zwang auf dem Sprecher lastet - alles bewegt/drängt ihn, seine Liebste zu besuchen, er ist selbst nicht mehr Herr seiner selbst, sondern seine Gefühle kontrollieren ihn. Daher kein "ich", sondern "es".
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 30.01.09 19:25 von yakka.)
30.01.09 19:23
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zongoku
Inaktiv

Beiträge: 2.973
Beitrag #7
RE: Nächtlicher Gang
So viele Erklaerungen, so viele Meinungsverschiedenheiten.
Wie soll ein Auslaender noch damit zurechtkommen, wenn ihr Deutschen es nicht wisst?
Jeder empfindet es auf seine Weise.
Ein Beschwerlicher Weg. Voller Hindernissen, ueberall Gespenster. Und es muss doch zur Liebsten gehen.

Es muss einen Weg geben um zur Liebsten zu kommen. Irgendwie muss das realisierbar sein.
Dabei ist er bzw. es schon auf dem Weg dorthin.
30.01.09 21:19
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Nächtlicher Gang
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