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Tips für Tohoku
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Kikunosuke


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Beitrag #1
Tips für Tohoku
Grüßgott,

im Oktober verschlägt's mich zum wiederholten Male nach Japan. Im Süden ist's mir da noch zu warm, also wollte ich einmal die komplette Ostküste rauf. Mit dem Bus durchs Sperrgebiet ums AKW Fukushima und dann weiter. Ishinomaki - Kesennuma habe ich schonmal gemacht, bin aber noch nicht bis Miyako und Jodogahama gekommen. Besonders interessiert mich der Stand des Wiederaufbaus nach dem Tsunami. Habe ca. 8-9 Tage dafür Zeit, da lässt sich schon was machen. Japanischkenntnisse und Autofahrerfahrung in Japan vorhanden. Falls mir jemand was zu den folgenden Orten sagen könnte wäre ich dankbar:

- Ouchijuku: Sieht nach einer typischen Touristenfalle für Inländer aus, schön nachgebaute Häuser aus der Edozeit mit Souvenirständen. Also wie Chiran, nur größer?
- Zao: Da gibt's einen schönen Krater, man kann bzw. darf aber nicht runtergehen. Also wie beim Aso, nur gucken, nicht anfassen?
- Welches Thermalbad wäre für einen Tagesausflug am schönsten? Ginzan-Onsen oder Nyuto-Onsen? Nur ein bisserl baden und dann weiter.
- Ryusendo-Höhle als Tagesausflug von Morioka aus, wieviel Zeit braucht man für eine Begehung? Oder besser mit Leihwagen und dann weiter Ichiro Ozawas Reich erkunden?
- Shirakami-Sanchi: Ohne Mietwagen kann man das wahrscheinlich vergessen, wie gut sind die nichtasphaltierten Teile der Bergstraßen zu befahren?

Falls jemand noch einen schönen Tempel oder Schrein kennt, nur frei heraus damit!

Warum ich überhaupt so dumm frage: Viel hab' ich schon gesehen. Eine grobe Auflistung was ihr mir nicht empfehlen braucht: Aomori, Hirosaki, Goshogawara, Kanagi, die Shimokita-Halbinsel, Rokkasho, den Towada-See, Kakunodate, Akita, Kesennuma, Ishinomaki, Sendai, den Yamadera, Tsuruoka, Sakata, Haguro-san (Yudono-san und Gassan schiebe ich evtl. heuer hinterher), Morioka.

Natürlich kann ich auch was zu meinen Erfahrungen sagen, wenn denn jemand was wissen möchte. Nur Tohoku-ben, der ist mir schleierhaft kratz
09.07.15 22:05
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torquato


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Beitrag #2
RE: Tips für Tohoku
(09.07.15 22:05)Kikunosuke schrieb:  Mit dem Bus durchs Sperrgebiet

Darf ich hier mal nachhaken? Wie ist das zu verstehen? M.W. braucht man für das Sperrgebiet eine Sondergenehmigung, und es gibt ja auch Straßensperren, die das kontrollieren. Gibt es da ein Art offiziellen Katastrophenturismus, oder normale Linienbusse, die da auf einigen Strecken quasi als Transit durch dürfen?

Ansonsten klingt das sehr danach, daß Du die Region wesentlich besser kennst als die meisten hier.
09.07.15 23:06
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Kikunosuke


Beiträge: 147
Beitrag #3
RE: Tips für Tohoku
Es gibt einen viermal täglich verkehrenden Bus zwischen Tatsuta und Haranomachi (Jôban-sen) auf der Kokudô 6. Fahrplan, Strahlungswarnung etc.
10.07.15 13:34
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Beitrag #4
RE: Tips für Tohoku
Bezüglich Stand des Wiederaufbaus lohnt es sich sicher in Rikuzentakata vorbeizuschauen.
In der weitgehend zerstörten Stadt wird seit letztem Jahr mit einem weitläufigen Förderband-
system großflächig der Boden aufgeschüttet. Über den Stand dort vor einem Jahr hatte ich
hier mal was geschrieben:
http://www.kizuna-in-berlin.de/wp-conten...hEndSN.pdf
Sehenswert sicher auch das Gebiet der vom Tsunami zerstörten Unterstadt von Oofunato,
wo inzwischen ein neuer Fischmarkt (auch ein Bild in dem Bericht)
wiederaufgebaut wurde. Sehenswert auch der BRT (Bus-Transrapid) dessen Fahrbahn dort
auf dem alten Gleisbett, der weggespülten JR-Küstenbahnlinie errichtet wurde.

Wenn du eh bis Jodogahama rauf fährt, im Vergleich interessant den Stand in Ootsuchi und Kirikiri
anzuschauen ---
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 10.07.15 14:56 von adv.)
10.07.15 14:49
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Beitrag #5
RE: Tips für Tohoku
Ootsuchi gestern, mehr als 4 Jahre nach dem Tsunami


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11.07.15 10:25
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Kikunosuke


Beiträge: 147
Beitrag #6
RE: Tips für Tohoku
Das ist mir im letzten Jahr in Kesennuma auch aufgefallen. Dass das jetzt wirklich eine nachhaltige Lösung ist (was macht man wenn der nächste Tsunami höher ist? Noch mehr aufschütten?) glaube ich nicht. An der Sanriku-Küste wird momentan wieder klassische japanische Infrastrukturpolitik betrieben, man kippt mit der Gießkanne Unsummen von Geld in die dortige Bauindustrie, welche dann baut und erdbewegt. In Kesennuma wird z.B. eine Straßenanbindung nach Ohshima geschaffen. Naja, sowas interessiert mich halt.
11.07.15 17:19
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Beitrag #7
RE: Tips für Tohoku
(11.07.15 17:19)Kikunosuke schrieb:  An der Sanriku-Küste wird momentan wieder klassische japanische Infrastrukturpolitik betrieben, man kippt mit der Gießkanne Unsummen von Geld in die dortige Bauindustrie, welche dann baut und erdbewegt.

Ja, das ist ziemlich übel. Wo du von Kesennuma schriebst. Am Strand von Otani (paar Kilometer von Kesennuma entfernt) ist z.B. von staaatlicher Seite geplant einen 10m-Betondamm zu bauen (2011 war die Tsunami-Welle hier übrigens 23 m hoch).
Bei den Anwohnern, insbesondere den Fischern, aber auch den Leuten, die vom Tourismus leben, stößt dies allerdings auf heftigen Widerstand. Der neue Damm würde durch seine Höhe fast jeden Sichtkontakt von den Häusern auf das Meer unterbinden, die Ortschaft würde also quasi hinter einer Mauer verschwinden. Die Fischer aber sagen, sie müssen von ihren Häusern aus ständig das Meer beobachten können, sonst können sie ihren Beruf gleich an den Nagel hängen.
Das der Ort zugleich seine Attraktivität für den Tourismus verlieren würde leuchtet ein, denn wer will schon von seiner Pension nicht mehr das Meer, sondern nur noch das Schutzbauwerk sehen.

Die Zentralregierung sagt dazu: Entweder ihr laßt den Damm bauen oder eure Gegend kriegt eben garkeine Unterstützung mehr... Außerdem: Ohne Bau gibt es keine Genehmigungen mehr zum Häuserbau unten am Meer, dh. die Grundstücke verlieren ihren Wert, was natürlich kein Grundbesitzer riskieren will. So kann man dann schön die Leute untereinander in Zwietracht bringen..
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 12.07.15 00:19 von adv.)
12.07.15 00:18
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Kikunosuke


Beiträge: 147
Beitrag #8
RE: Tips für Tohoku
Die Grundstücke am Meer haben doch sowieso schon an Wert verloren? Wer, außer den Alten, will denn da wieder bauen? Man hat ja teilweise die Siedlungen schon auf Anhöhen wieder aufgebaut, mit dem BRT sieht man das da recht gut. Zudem frage ich mich warum man da bisher Baupläne genehmigt hat, es war ja bekannt dass öfter mal ein Tsunami vorbeikommt. Die warnenden Steine an den Anhöhen (「此処より下に家を建てるな」) kennt da jeder...
Naja, im nachhinein kann man da leicht reden. Bin gespannt wie sich das in den nächsten Jahren dort weiterentwickelt. Die Anstrengungen in Ehren, aber außer ein bisschen Katastrophentourismus kann man da noch nicht viel machen, so als Tourist.

Da du dich in der Gegend anscheinend sehr gut auskennst, kannst du mir sagen wo ich den ein oder anderen 大津波記念碑 finde? Wenn die Wetterprognose nach meiner Ankunft gut ist investiere ich evtl. Geld in ein vernünftiges MTB und fahre ab Sendai mit dem Radl die Küste rauf.
12.07.15 19:53
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Beitrag #9
RE: Tips für Tohoku
Ein 大津波記念碑, das mich sehr beeindruckt hat, befindet sich in 気仙沼市の杉ノ下地区.
Ich hatte dort mit Freunden geholfen eine Ackerfläche von Schutt zu reinigen. In der Mittagspause gingen wir auf einen 15 m hohen Hügel, die höchste Erhebung in dieser Ebene.
Dieser Hügel war ein Evakuierungspunkt. 93 Bewohner des Ortes flohen auf diesen Hügel, aber die Welle war 18,15 m hoch und riss alle Menschen in den Tod. Der Ort hatte 312 Einwohner. Im Juli 2012 wurde ein Denkmal zu Ehren der Toten in Anwesenheit der überlebenden Familienangehörigen enthüllt, das die folgende Inschrift trägt:

Ihr seid nicht vergessen.
"Wenn man hier ist, ist es sicher"
Aber in der Vergänglichkeit allen Irdischen,
kam die erste Welle, die zweite, die dritte Welle,
und 93 kostbare Menschenleben und aller Besitz wurden vom Meer aufgelöst
Diesen Schrei vergessen wir Weinenden nicht

die ganze Inschrift:

 絆
あなたを忘れない
「ここに居れば大丈夫だ」
しかし、無常にも第一波で
下手から家や車が押し寄せ
そして、第二波、第三波が・・
九十三名の尊い命と
すべての財産が海へと散った
あの一声が無上の叫びに
私たちはあなたを忘れない
いままでありがとう
   こころやすらかに
     杉ノ下地区民一同

Während der Meiji-Ära war das Dorf schon einmal von einem Tsunami zerstört worden. Die neue Siedlung wurde dann in einiger Entfernung zum Meer wieder aufgebaut.
Damals pflanzte man einen Hain mit 35 Zedern. Diese wurde von dem Tsunami 2011 überspült und entweder entwurzelt oder sie verdorrten später wegen der Salzschäden und mussten abgeholzt werden. Nur eine, sehr aufrecht gewachsene Zeder blieb stehen und der Kettensägenkünstler Kumano schuf aus diesem Stamm einen himmelwärts strebenden Drachen, der, wie uns Anwohner erzählten, den Seelen der hier Verstorbenen helfen soll, aus den Trümmern in den Himmel aufzusteigen. Um das Denkmal wurden, als Symbol für den Wiederaufbau junge Bäume gepflanzt.


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(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 14.07.15 11:39 von adv.)
13.07.15 23:29
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Tips für Tohoku
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