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Die Würde des Scheiterns
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kage


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Beitrag #1
Die Würde des Scheiterns
In dem Buch "Samurai oder Von der Würde des Scheiterns" (dt. insel taschenbuch 1999) spricht der Autor Ivan Morris in der Einleitung über grundlegende Unterschiede in der Wahrnehmung von Erfolg und Scheitern in der westlichen und japanischen Kultur.
Das finde ich ein spannendes Thema, zumal, wenn man dem die heutige Wahrnehmung der japanischen Leistungsgesellschaft gegenüberstellt.
Ich werde gleich mal - wenn das in der Länge möglich ist - den Text hier einstellen, und würde mich sehr freuen, wenn es zu dazu aus dem Forum Ergänzungen oder Widersprüche oder sonst was gibt.
26.09.06 11:27
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kage


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Beitrag #2
RE: Die Würde des Scheiterns
Zitat: Ivan Morris: Samurai oder Von der Würde des Scheiterns

Unsere unbarmherzige, gewinnsüchtige und auf den Kampf um Überleben und Macht programmierte Welt verherrlicht den Erfolg. Daher sind ihre typischen Helden Männer und Frauen, deren Sache triumphiert hat. Ihr Sieg ist niemals frei von Mühsal, und häufig bezahlen die Helden ihn mit ihrem Leben. Ob sie nun leben und sich noch im Glänze ihres Ruhmes sonnen können, wie Mohammed, Marlborough oder Washington, oder ob sie stolz auf dem Schlachtfeld sterben, wie Nelson oder die Heilige Johanna, ihre Mühe und ihr Opfer werden sich doch im praktischen Sinne gelohnt haben.
Auch Japan hat seine erfolgreichen Helden — vom ersten Kaiser Jimmu an, der (der Legende nach) 660 v. Chr. die Barbaren bezwang und eine kaiserliche Dynastie gründete, die bis zum heutigen Tag regiert, bis zu den siebenundvierzig Rönin, die in dem stolzen Bewußtsein starben, die Schmach ihres Herrn gerächt zu haben, oder Admiral Togo (»der Nelson Japans«), der im russisch-japanischen Krieg bewies, dass das kleine Inselreich im Pazifik eine westliche Großmacht schlagen konnte. Und in jüngerer Zeit gibt es wissenschaftliche Genies, wie Yukawa und Noguchi, deren friedliche und nützliche Entdeckungen denjenigen anderer Länder um nichts nachstehen.
Indessen existiert noch ein anderer Heldentypus innerhalb der vielschichtigen japanischen Tradition. Es sind Männer, die gewöhnlich in einer rastlosen und kriegerischen Epoche leben und die in krassem Widerspruch zu jeder Verdienstethik stehen. Ihre bedingungslose Aufrichtigkeit verbietet ihnen jene Schachzüge und Kompromisse, die weltlicher Erfolg meist voraussetzt. In ihren jungen Jahren katapultiert ihr Mut und ihre Begeisterung sie vielleicht schnell nach oben, aber sie sind der Verliererseite versprochen und müssen unausweichlich zu Boden geworfen werden. Auf der Jagd nach ihrem qualvollen Schicksal bieten sie der Konvention und der Vernunft die Stirn, bis sie schließlich von ihren Feinden, den »Erfolgsmenschen«, geschlagen werden, denen es durch ihre skrupellose und realistische Politik gelingt, der Welt eine neue, stabilere Ordnung aufzuzwingen. Im Angesicht seiner Niederlage nimmt sich der Held in der Regel das Leben, um der Schmach der Gefangenschaft zu entgehen, um seine Ehre zu retten und um einen letzten Beweis seiner Aufrichtigkeit zu geben. Sein Tod ist kein temporärer Rückschlag, der von seinen Nachfolgern wieder wettgemacht werden kann, sondern das irreversible Ende der von ihm verfochtenen Sache: Sein Kampf war also praktisch sinnlos, ja, er wirkte sich sogar in vieler Hinsicht nachteilig aus.
Zwar kennt auch die westliche Geschichte große Männer, die ihre Ziele am Ende nicht erreichten, doch wenn sie zu Helden wurden, geschah das nicht wegen, sondern trotz ihres Scheiterns; Napoleons Bewunderer gehen selten auf die Zeit nach Waterloo ein, gehörte er dagegen zur japanischen Tradition, stünden sein Sturz und dessen bittere Folgen im Mittelpunkt der Heldengeschichte.
Diese Vorliebe für Helden, die ihre konkreten Ziele nicht zu erreichen vermochten, kann uns viel über japanische Werte und Empfindungen lehren - und damit indirekt auch über unsere eigenen. In einer vorwiegend konformistischen Gesellschaft, deren Mitglieder in Ehrfurcht vor Obrigkeit und Überlieferung erstarren, üben tollkühne, herausfordernde, aufrichtige Menschen wie Yoshitsune und Takamori eine besondere Anziehungskraft aus. Die gehorsame Mehrheit erträgt ihr Los in gefahrlosem Schweigen, findet aber eine Ersatzbefriedigung in der gefühlsmäßigen Identifikation mit diesen Individuen, die das Risiko eines einsamen Kampfes gegen eine überragende Übermacht eingehen, und das Scheitern all ihrer Bemühungen verleiht ihnen eine ergreifende Erhabenheit, die die Eitelkeit allen menschlichen Strebens bloßstellt und diese Männer zu vielgeliebten und die Phantasie beflügelnden Helden macht.
Selbst wir, mit unserer den Erfolg vergötternden Kultur, erkennen den Edelmut und das Ergreifende dieser fanatischen, ungestümen und selbstlosen Männer, deren aufrichtige Gesinnung sie nach einem schweren Gang in die Katastrophe führt. Obgleich die historischen Helden des Westens vorwiegend Sieger sind und es kaum eine Tradition des Mitgefühls für historische Versager gibt, ist uns durch die Literatur seit der Ilias und König Ödipus die Vorstellung vom »Helden als Verlierer« vertraut. Besonders in jüngerer Zeit hat sich eine Tendenz zur Anerkennung jener Individuen entwickelt, die dem Erfolg keinen Götzendienst leisten können oder wollen. »Nun liegt die Wahrheit bar zutag«, schreibt Yeats an einen Freund, dessen Bemühungen ins Leere gegangen sind:
Now all the truth is out,
Be secret and take defeat
Front any brazen throat. [...]
Bred to a barder thing
Than 'Triumph, turn away
And like a laughing string
Whereon mad fingers play
Antid a place of stone
Be secret and exult,
Because of all things known
That is most difficult.
(To a Friend whose Work has come to Nothing, 1914)
Die Männer, von denen dieses Buch handelt, stammen aus vielen verschiedenen Jahrhunderten und Gesellschaftsordnungen, daher fügen sie sich nicht in einheitliche Verhaltensmuster und Ideale, jedenfalls waren sie alle »zu Schwererem bestimmt« und ergeben zusammengenommen ein Bild vom Spektrum des irdischen Scheiterns, der damit verbundenen Würde und der Gründe für seine besondere, magische Anziehungskraft in der japanischen Tradition.
26.09.06 11:30
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kage


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Beitrag #3
RE: Die Würde des Scheiterns
(hochschieb)
grins

gibt es wirklich Niemanden hier im Forum, der / die zu diesem Thema schon mal was gelesen bzw. gehört hat und das hier ergänzen könnte?
Ich habe wie gesagt darüber nur in diesem Vorwort gelesen, und eine Quelle ist ja etwas dürftig.
02.10.06 11:51
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Wasabi


Beiträge: 90
Beitrag #4
RE: Die Würde des Scheiterns
Ich glaube nicht, dass es gescheiterte Helden nur in Japan gibt. Mir fallen da spontan die Widerständler gegen das Nazi-Regime ein, wie z.B. Sophie Scholl, Graf von Stauffenberg.
Was haben denn die Helden in dem Buch eigentlich konkret getan?
02.10.06 15:35
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kage


Beiträge: 187
Beitrag #5
RE: Die Würde des Scheiterns
(02.10.06 15:35)Wasabi schrieb:Ich glaube nicht, dass es gescheiterte Helden nur in Japan gibt.
wenn ich den Autor richtig verstanden haben, ist das ja auch nicht seine These. Sondern, dass es auch diesen Typos in Japan gibt, der vielleicht mehr Verehrung genießt als die 'siegreichen Helden'

(02.10.06 15:35)Wasabi schrieb:Mir fallen da spontan die Widerständler gegen das Nazi-Regime ein, wie z.B. Sophie Scholl, Graf von Stauffenberg.
Der Autor spricht primär von Einzelpersonen. Und bei deinen Beispielen sind es eher Gruppen, d.h. Weiße Rose bzw. die Offiziersgruppe, die das Attentat 2o. Juli plante (auch wenn die Kino- und TV-Filme sie mitunter zu Einzelkämpfern stilisieren).
da wäre Georg Elser vielleicht besser passen, allerdings war er ja von Anfang an in Opposition zum Hitler-Regime, und nie ein begeisterter Aufsteiger:

Zitat: Indessen existiert noch ein anderer Heldentypus innerhalb der vielschichtigen japanischen Tradition. Es sind Männer, die gewöhnlich in einer rastlosen und kriegerischen Epoche leben und die in krassem Widerspruch zu jeder Verdienstethik stehen. Ihre bedingungslose Aufrichtigkeit verbietet ihnen jene Schachzüge und Kompromisse, die weltlicher Erfolg meist voraussetzt. In ihren jungen Jahren katapultiert ihr Mut und ihre Begeisterung sie vielleicht schnell nach oben, aber sie sind der Verliererseite versprochen und müssen unausweichlich zu Boden geworfen werden.

Aber wie gesagt, ich weiß nicht, wie allgemeingültig die Thesen von Morris sind.
Ich fand nur den Text interessant, auch in Zusammenhang mit Zen-Begriffen wie 無 mu
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 03.10.06 09:37 von kage.)
03.10.06 09:22
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kage


Beiträge: 187
Beitrag #6
RE: Die Würde des Scheiterns
hier noch die Beispiele aus dem Buch:

»Oh, einsamer Kiefernbaum, mein Bruder!« - Yamato Takeru — 4. Jhdt.

»Des Kaisers Schild« - Yorozu-6. Jhdt.

Der traurige Prinz - ArimanoMiko- 7. Jhdt.

Die Gottheit des Scheiterns - Sugawara no Michizane — 9. -10. Jhdt.

Der Triumph des Besiegten - Minamoto no Yoshitsune — 12.. Jhdt.

»Sieben Leben für das Reich« - Kusunoki Masashige—14. Jhdt.

Der japanische Messias - Amakusa Shirö—17. Jhdt.

»Rettet das Volk!« - Öshio Heihachirö — 19. Jhdt.

Die Apotheose Saigös des Großen - Saigö Takamori — 19. Jhdt.

»Wie Kirschblüten im Frühling« - Die Kamikaze-Kämpfer — zo. Jhdt.
03.10.06 09:25
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adv


Beiträge: 960
Beitrag #7
RE: Die Würde des Scheiterns
Hallo kage,

nun ist das Buch auch bei mir eingetroffen und habe es
gestern mit Interesse angefangen zu lesen.

Einigen der Genannten begegnet an in Japan ja wirklich
häufig in Schreinen, Gedenksteinen etc.
zB Sugawara no Michizane auf Kyushu und in Kyoto
als 天神様...
28.10.06 16:49
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kage


Beiträge: 187
Beitrag #8
RE: Die Würde des Scheiterns
interessant fände ich natürlich die Frage, wie weit die Thesen des Autors (anderer Umgang mit Scheitern / Scheiternden) auf die heutige japanische Gesellschaft zutrifft, im Kontrast zu westlichen.

vielleicht kann da doch noch jemand etwas zu sagen?
grins
09.11.06 10:32
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kage


Beiträge: 187
Beitrag #9
RE: Die Würde des Scheiterns
vielleicht kann ich ja mit diesem netten Artikel, der im Weser Kurier stand, dieses Thema doch noch etwas in Gang bringen? zwinker

Schlusssatz: Lucky und Haruurara werden so verehrt, weil sie ohne Angst vor dem Scheitern weitermachen

[Bild: delfin001tk4.jpg]
13.01.07 01:19
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atomu


Beiträge: 2.664
Beitrag #10
RE: Die Würde des Scheiterns
Der gleiche Artikel stand gestern auch in der Stuttgarter Zeitung.

Leistungsgesellschaft hin oder her, die (eigentlich gar nicht so) heimlichen Helden der Japaner waren schon immer die Verlierer. Vorausgesetzt sie haben vorher wirklich ihr Bestes gegeben. Oliver Kahn als Verlierer neben seinem Tor am 30. Juni 2002 nach dem Endspiel bei der WM in Japan/Korea - dieses Bild wurde tausende Mal gesendet und hat Kahn in Japan unglaublich beliebt gemacht.

Zufällig habe ich mir gestern abend ein Video von Kurosawas "Ran" angeschaut. Auch hier sind die Verlierer die Helden (erst als sie tot sind stellt sich heraus, dass sie doch gesiegt haben). Dieses Leitmotiv zieht sich durch die ganze japanische Literatur und Kunst.

正義の味方
13.01.07 15:19
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Die Würde des Scheiterns
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