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Personalpronomen und Nihonjinron
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Ma-kun
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Beitrag #11
RE: Personalpronomen und Nihonjinron
@ Datenshi: Danke für Deine Erklärungen. Meine Gedanken gingen in diese Richtung, nur hatte ich damals nicht die Fakten, um sie zu untermauern. Danke auch für die Erklärung von "kare".

Ich finde die Bemerkungen über das Koreanische und das Ungarische (das wäre auch mal eine interessante Spache zum Lernen) sehr interessant. Zum einen ist es doch immer wieder lustig, wie vieles dem Japanische ach so Eigenes und Einziges sich auch im Koreanischen wiederfindet. Zum anderen bringt mich das auf eine Idee.
Morita argumentiert recht, sagen wir mal, digital: Es gebe Sprachen, bei denen es nicht notwendig sei, die Person anzuzeigen (Japanisch) und es gebe welche, bei denen es notwendig (der ganze Rest) sei.

Vielleicht sehen wir die Sache besser analog:
Von Sprachen, bei denen die Person sehr deutlich gemacht wird, zu Sprachen, bei denen sie "nur im Notfall" deutlich gemacht wird.

Deutsch zum Beispiel zeigt die Person sowohl mit Personalpronomen als auch mit Verbendungen an. Das Englische zeigt die Person nur über Pronomen an (sehen wir vom Endungs -s in der dritten Person des Präsens ab) Das Ungarische baut die Information in die Verbendung ein, wodurch sie nicht ganz so stark betont wird. Koreanisch und Japanisch vertrauen eher auf Kontext, das Japanische vielleicht stärker als das Koreanische.
Vielleicht ließe sich das unter der Eigenschaft Kontextintensivität (was für ein Wort!) zusammenfassen.

Wäre das ein akzeptabler Ansatz?

@atomu: ich weiß, daß es zumindest für "ich" ein eigens geschaffenes Übersetzungswort für philosophische Texte gibt, das auch für die Übersetzung von Freud herangezogen wird: Jiga (自我).
Wir hatten nebenbei in der Diskussion über den Artikel ein ähnliches Problem gestreift. Es ging darum, wie man "ich denke, also bin ich" übersetzen könne.

@Datenshi: sind die Wörter, die man im Koreanischen für "ich", "du" etc. benutzt ähnlich wie im Japanischen eher Rollenbeschreibungen?
.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 14.07.05 16:38 von Ma-kun.)
14.07.05 16:35
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Beitrag #12
RE: Personalpronomen und Nihonjinron
@Ma-kun:

Zitat:Morita argumentiert recht, sagen wir mal, digital: Es gebe Sprachen, bei denen es nicht notwendig sei, die Person anzuzeigen (Japanisch) und es gebe welche, bei denen es notwendig (der ganze Rest) sei.

Vielleicht sehen wir die Sache besser analog:
Von Sprachen, bei denen die Person sehr deutlich gemacht wird, zu Sprachen, bei denen sie "nur im Notfall" deutlich gemacht wird.

Genau, das meinte ich ja weiter oben mit dem zu "schubladenartigen" Ansatz.
Als Dilettant mögen mir da die linguistischen Fachtermini fehlen... Aber die erwähnten Aspekte (wie Buddhismus, Shinto, in der Vergangenheit starke und immer noch fortwirkende gesellschaftliche Hierarchie..) führen dann vermutlich dazu, das das Japanische und zB auch das Koreanisch und Chinesische in einer betrachteten, weiten Skala der "Ich-Bezogenheit" vermutlich weit im Bereich "geringerer Ich-Bezogenheit" und zB das Deutsche weit im Bereich "stärkerer Ich-Bezogenheit" zu finden wäre? Ungarisch mag dann zB in diesem gedachten Diagramm dazwischen befinden.
Zu einer Objektivierung könnten dann ua linguistische Untersuchungen sowie Sprachstatistiken beitragen...

Wobei die moderen gesellschaftlichen Entwicklungen, Stichwort Internationalisierung, mit der Zeit sicher zu einer zunehmenden Angleichung führen werden.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 14.07.05 17:04 von adv.)
14.07.05 16:55
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Ma-kun
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Beitrag #13
RE: Personalpronomen und Nihonjinron
Zitat:Zu einer Objektivierung könnten dann ua linguistische Untersuchungen sowie Sprachstatistiken beitragen
Ich habe mir zumindest mal Hofstedes Individualismusindizes für die USA, Deutschland, Ungarn, Japan und Südkorea herausgesucht:
USA: 91
D: 68
H: 51
J: 41
ROK: 18
Weltdurchschnitt: 43

Je geringer der Wert (0<=IDV<=100), desto stärker neigen die Individuen der Kultur zum Kollektivismus. Das heißt, daß die Verbindungen und Bindungen zwischen den Inidviduen wichtig sind und daß Bezugsgruppen, wie z.B. Familie eine große Rolle spielen.

Mit den Daten habe ich allerdings ein gewisses Problem. Der Grundstock wurde Ende der sechziger bis Anfang der siebziger Jahre bei Untersuchung von IBM-Mitarbeitern weltweit gewonnen. Seither wurden die Daten kontinuierlich von anderen Forschern erweitert. Es ist zwar recht nett, wenn wir einen riesigen Datensatz haben, man kann auch argumentieren, daß er durch seine Größe Ausreisser gut abfedert, aber wenn man den Datensatz nach fünf Kategorien und über fünzig Ländern aufspaltet, ist die Zellgröße doch wieder kleiner. Außerdem fehlt die Angabe der Grundgesamtheit. Zwei große Probleme sehe ich zumindest: Erstens sind die Grundlage IBM-Mitarbeiter. Signifikante Ergebnisse bekomme ich also für IBM-Mitarbeiter, nicht unbedingt für die Angehörigen der ganzen Kultur. Zweitens ist die Grundlage eben über 30 Jahre alt und wird mit Daten gemischt, von denen die jüngsten aus dem Jahre 2001 sind. Ich fürchte, daß sich das negativ auf die Vergleichbarkeit der Zellen untereinander auswirkt.

Die Daten stützen jedenfalls unsere bisherigen Überlegung größtenteils (wenn ich auch den extrem niedrigen Wert für Südkorea sehr merkwürdig finde), zeigen aber auch auf, daß Sprache allein nicht für den Kollektivismus einer Gesellschaft verantwortlich sind. Vergleichen wir mal einige englischsprachige Länder:
USA: 91
UK: 85
AUS: 85
NZ: 78
IRL: 67

Eine andere Sache, die Du, adv, angesprochen hast, ist die Gesellschaftsstruktur.

Zitat: In der historischen Dimension: stark hierarchisch aufgebautes Gesellschaftssystem mit Unterordnung des Einzelnen unter die Höhergestellten

Eine sehr interessante und nachvollziehbare Idee. Das Klassensystem wird von einigen Autoren erwähnt, wenn sie auf die Entwicklung von Keigo hinauswollen. Allerdings hatten wir auch in Europa lange Zeit starre Ständegesellschaften, ohne daß sich eine dermaßen elaborierte Höflichkeitssprache entwickelt hätte.
Dazu habe ich allerdings mal die interessante Idee gelesen (leider fällt mir der Autor nicht mehr ein), das japanische Keigo sei eine Art Brücke zwischen den Klassen gewesen. Keigo ermöglichte Gespräche über Klassengrenzen hinweg nach festen Regeln.
Hat jemand von uns vielleicht Kenntnisse zu indischen Sprachen? Spiegelt (oder spiegelte) sich in ihnen das Kastensystem wieder?

Über die Entwicklung von speziellen Höflichkeitssprachen hat sich Wilhelm von Humboldt in seinen Kawiwerk Gedanken gemacht (wobei er einen Gedanken aus seiner Mexicanischen Grammatik wieder aufgriff): Kawi ist das Altjavanische. Humboldt untersuchte diese Sprache und stellte von den Vokablen her Verwandtschaft zum Sanskrit her, von der Grammatik aber zu anderen Sprachen der Gegend. Er postulierte eine Sprachfamilie, die wir heute als die austronesische kennen. Kawi hat jedenfalls eine "vornehme Sprache" (basa krama ode basa dhalem). In einer elaborierten Fußnote macht er sich Gedanken über das Entstehen verschiedener Sprecharten. Er sieht hier Ähnlichkeiten zu Dialekten. Diese entstünden durch unterschiedliche Siedlungsräume, aus Konventionen hingegen entstünden Sprecharten für unterschiedliche Klassen, für entweder innerhalb der Klassen oder zwischen ihnen.

Sprechstile, die man innerhalb einer bestimmten Klasse anwendet, entstehen aus Unterschieden in der geistigen Kultur. Oft entwickeln sie sich gleichzeitg mit Dialekten. In seiner Mexicanischen Grammatik (in der er eine Sprache behandelt, die wir heute Nahuatl nennen) nennt er übrignes ein Beispiel, bei dem eine ehrenvolle Anrede in einer bestimmten Region in einer anderen als vertrauliche Selbstbezeichnung verwendet wird. Mir fällt in diesem Zusammenhang auch die höfische Kultur des französischen Absolutismuses ein, in der die Adligen einen ganz eigenen, anspielungsreichen, schnörkligen Sprachstil entwickelt hatten, den kein Außenstehender verstehen konnte. Wahrscheinlich dient der Sprachstil also auch der Abgrenzung, der Identitätsbildung als Gruppe.

Sprechstile für Angehöriger unterschiedlicher Gruppen entstehen aus den gesellschaftlichen Verhältnissen und können Respekt und Unterordnung ausdrücken. Oft betrifft das nur einzelne Worte, Redensarten oder Fügungen. Es handelt sich um eine Gewohnheit.
Dieser Sprechstil äußert sich vor allem un den Teilen, die die Person betreffen. Eine typische Erscheinung ist, daß Pronomen durch Substantive ersetzt werden.

(Humboldt, Wilhelm von: Über die Kawi-Sprache auf der Insel Java. Erster Band. Berlin 1836. S. 50f. Es gibt vom Kawiwerk mindestens drei z.T. sehr unterschiedliche Ausgaben. Kann sein, daß das Kapitel nicht in allen Ausgaben vorhanden ist.)

Ich habe nun in ein Lexikon zu Kawi hineingeblättert, mir die "Pronomen" der Höflichkeitssprache herausgesucht und sie nachgeschlagen. Und tatsächlich, sie haben eigenständige Bedeutungen, nämliche "Herrscher", "Diener", "dieser" usw. Denken wir nun an Datenshis Bemerkungen, daß es den Leuten recht schnurz ist, wie man ihre Wörter nun nennt, haben wir etwas, das dem Japanischen sehr ähnelt, nämlich Rollenbezeichnungen.
Es gibt ja doch einige Parallen zum Japanischen: kimi (君), der Herrscher, anata (貴方), die ehrenhafte Person oder auch das Verwendung von Richtungs- und Ortsangaben, kochira, sochira, omae (こちら, そちら, お前).


advs Gedanke, daß die Gesellschaftsstruktur eine Rolle spielt scheint also plausibel. Die Entwicklung von Rollenbeschreibungen passt sehr gut in dieses Schema. Es stellt sich nur die Frage, ob auch eine direkte Verbindung zum Individualismus bzw. Kollektivismus besteht.

Verändert die Existenz der Wörter "ich", "du", "er/sie/es" wirklich die Wahrnehmung der Wirklichkeit so stark?

----
Edit: diverse Tippfehler korigiert.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 17.07.05 00:10 von Ma-kun.)
16.07.05 16:32
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atomu


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Beitrag #14
RE: Personalpronomen und Nihonjinron
Ich würde sagen: ja. Ganz intuitiv. Was du zusammengesucht hast (großes Lob übrigens), bestärkt mich aber in meiner Anschauung. Klar sind die Wurzeln im Gesellschaftssystem zu sehen, aber Sprache ist doch stets der Abdruck des bestehenden Gesellschaftssystems, und die von dir präsentierten Daten belegen das. Und die Sprache prägt ihrerseits wieder das Denken innerhalb einer Gesellschaft. Ganz besonders im Zeitalter der Massenmedien, aber man kann das auch schon im 19. Jahrhundert am Einfluss der damals aufkommenden stark auf das "Ego" bezogenen Literatur und Kunst beobachten.

Bei Japaner(inne)n ist das "Ich" weniger präsent. Und zwar sowohl semantisch, als auch psycho-soziologisch. Das behaupte ich jetzt einfach mal. Die These beinhaltet wohlgemerkt keinerlei Wertung. Es hat Vor- und Nachteile, keiner von uns kann das gewichten.

Interessant wäre in diesem Zusammenhang, wie unsere Vorfahren in Mitteleuropa mit dem "Ich" umgegangen sind, bevor die Renainssance und die Aufklärung das Individuum in den Mittelpunkt gerückt haben. Möglicherweise wurden hier zu Zeiten feudalistischer Strukturen die Wörter "ich" (ahd. "ih", mnd. "ik", got. "ik"), "du", "er/sie/es" im Alltag auch viel weniger verwendet als heute.

Die japanische Gesellschaft weist auch heute noch ausgeprägte feudalistische Züge auf.

正義の味方
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 17.07.05 00:03 von atomu.)
16.07.05 23:59
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Beitrag #15
RE: Personalpronomen und Nihonjinron
@Ma-kun: Vielen Dank für Deine Ausführungen. Diesen Hofsted muß ich mir dann auch noch mal genauer anschauen.

Mit den Daten, wie von Dir zitiert, wäre das sicher mit Vorsicht zu genissen. a) jeweils eine sehr kleine Teilgruppe der Bevölkerung (IBM-Mitarbeiter) b) Erhebungen über einen langen Zeitraum (Stichwort zunehmende Globalisierungseffekte in den letzten Jahrzehnen) c) fragt sich wie groß die Teilgruppen denn überhaupt sind, so viele IBMler wird es ja auch nicht überall geben.. und jeder davon wurde sicher nicht befragt..

Trotzdem natürlich sehr interessant, jenseits der reinen Zahlenwerte sicher dadurch einiges über die Tendenzen und Relationen zw. den verschiedenen Ländern dabei zu erfahren.

Steht in der Abeit etwas zu dem großen Unterschied zw. Japan und Korea?

Gruß

adv
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 19.07.05 17:57 von adv.)
19.07.05 17:56
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Anonymer User
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Beitrag #16
RE: Personalpronomen und Nihonjinron
Habe beim goggeln gestern eine Diplomarbeit der Wirtschaftsuniversität Wien gefunden:

Stefan Strasser: "Regulationsweise und Kultur – Der Einfluss kultureller Werte auf die Wirtschaft, dargestellt anhand der Krise Japans"

in der in interessanter Weise auf den Individualismusindex von Hofstede eingegangen wird.
Ich zitiere die Passage mal:


" .... Japan findet sich im Individualismus-Kollektivismus Kontinuum
wieder in der Mitte, und weist mit 46 einen ähnlichen Wert wie
Österreich (55) auf. Am oberen Ende der Skala finden sich vor allem die
anglo-amerikanischen Länder, wie USA (91), Australien (90),
Großbritannien (89), Kanada (80). Auffallend ist, dass
individualistische Länder tendenziell reicher sind (oder umgekehrt,
reichere Länder tendenziell individualistisch). Hofstede führt dies
darauf zurück, dass Menschen in wohlhabenden Ländern tendenziell viel
mehr Möglichkeiten haben, sich selbst zu verwirklichen, was den
Individualismus fördert (Hofstede, S. 103). Obwohl Japan hier im
Gesamtbild in der Mitte liegt, ist auffallend, dass es unter
vergleichbar wohlhabenden, kapitalistischen Ländern (Nordamerika,
Westeuropa) das kollektivistischste ist. Einen niedrigeren Punktewert
erreichen vor allem andere asiatische, sowie lateinamerikanische Länder.
Es lässt sich auch eine gewisse Korrelation zwischen Kollektivismus und
Machtdistanz nachweisen. Länder mit größerer Machtdistanz sind
tendenziell eher kollektivistisch, während hingegen Länder mit
geringerer Machtdistanz eher individualistisch sind (Hofstede, S. 71).

Während in individualistischen Kulturen die Kernfamilie die Regel
ist, herrscht in kollektivistischen Kulturen die Großfamilie vor. Der
intensivere und ständige soziale Kontakt bewirkt, dass in
kollektivistischen Kulturen die Harmonie ein viel bedeutenderes Konzept
ist, das sich auch auf Bereiche außerhalb der Familie ausdehnt. Eine
Konsequenz daraus ist, dass das Wort „Nein“ oft nicht direkt
ausgesprochen wird, und ein „Ja“ in Japan oft keine Zustimmung, sondern
nur soviel bedeutet wie „Ich habe verstanden“ oder „Ich folge dem
Gespräch“ (Hofstede, S. 76-77). Und während in kollektivistischen
Kulturen das ständige Äußern von Meinungen, die der Gruppenmeinung
widersprechen als schlechter Charakter ausgelegt wird, bemühen sich
umgekehrt Eltern in individualistischen Kulturen ihre Kinder dazu zu
erziehen, eine eigene Meinung zu haben, da das Wiedergeben von Meinungen
anderer als schwacher Charakter interpretiert wird (Hofstede, S. 78).

Auch die Kommunikation ist unterschiedlich. Edward T. Hall,
unterschied „high context“ von „low context“ Kulturen14, wobei
high-context-Kulturen mit Hofstede’s kollektivistischen Kulturen
übereinstimmen: Sehr viel Information ist schon im Kontext (Situation,
Umfeld etc.) enthalten, und es muss nur mehr das nötigste kommuniziert
werden. Oft kommt es vor, dass gar nicht mehr gesprochen werden muss,
was allerdings niemanden weiter stört oder in Verlegenheit bringt. Im
Unterschied dazu sind low-context-Kulturen mit Hofstede’s
individualistischen Kulturen vergleichbar. Hier steckt viel der
Information im expliziten Code (Hofstede, S. 79-80), und oft wird
kommuniziert, bloß „um irgendetwas zu sagen“. Die Konsequenz ist, dass
beispielsweise japanische Geschäftsverträge um einiges kürzer sind als
amerikanische, oder westliche Geschäftsleute in Verhandlungen mit
Japanern oft in Verlegenheit geraten, da sie längeres Schweigen ihrer
Gesprächspartner als Ablehnung fehlinterpretieren.

Grob formuliert könnte man nun behaupten, dass in
individualistischen Kulturen Konfliktbewältigung, und in kollektiven
Kulturen Konfliktvermeidung Vorrang vor dem jeweils anderem haben. Meine
persönliche Vermutung ist nun, dass dies einschneidende Konsequenzen für
die Ausformung der institutionellen Verhältnisse sowie für
wirtschaftspolitische Entscheidungsfreude hat. In Punkt 2.2.2. werde ich
diesen Gedanken noch einmal aufgreifen.

Besonders interessant ist der Einfluss von Kollektivismus auf den
Arbeitsplatz. In einer kollektivistischen Gesellschaft wird der
Arbeitsplatz oft zur Wir-Gruppe, und die Beziehung zwischen Arbeitgeber
und Arbeitnehmer entspricht „eher einer familiären Beziehung mit
beiderseitigen Verpflichtungen, d.h. Schutz und Loyalität. Eine schwache
Leistung stellt keinen Kündigungsgrund dar: seinem Kind kündigt man
nicht“ (Hofstede, S. 85). Hofstede führt als Beispiel Japan an, wo diese
Beziehungsmuster (eingeschränkt auf die Gruppe der shain) zu finden
sind. Wie Barbara Fuchs in ihrer Dissertation anschaulich beschreibt,
beruhte der Erfolg der japanischen Unternehmen auf der
Instrumentalisierung dieser kollektivistischen mentalen Programmierung
der japanischen Arbeiter. Nach anfänglichen
Implementierungsschwierigkeiten des Kapitalismus in Japan stellte sich
das Prinzip der lebenslangen Beschäftigungsgarantie im Austausch für
unbedingte Loyalität der Mitarbeiter als erfolgreichstes Konzept heraus
und etablierte sich als gesellschaftlicher Grundkompromiss, auf dem das
Akkumulationsregime des Toyotismus beruhte (vgl. Fuchs 1997).

Eine Theorie des französischen Sozialhistorikers und
Schriftstellers Emmanuel Todd beschreibt den Zusammenhang zwischen
Vorgängen auf Familienebene und Staatsebene und behauptet, dass ein Land
seine Regierungsform entsprechend der Denkweise seiner Menschen wähle,
die wiederum von der dort vorherrschenden Familienstruktur geprägt
wurde15. Auf die Dimension Hofstedes umgelegt bedeutet das, dass in
kollektiven Gesellschaften eine Neigung zu autoritäreren Regimes
(Einparteienstaaten) besteht, während hingegen in individualistischen
Gesellschaften Pluralismus als positiver empfunden wird (Hofstede, S.
94-95). Ich erkenne hierin einen weiteren kulturellen Einflussfaktor auf
die institutionellen Verhältnisse innerhalb eines Staates, insbesondere
des Staatsverhältnisses. Für den Fall Japan ist dieser Faktor sogar noch
umso interessanter, da die Demokratie in ihrer heutigen Form eher
von außen „aufgesetzt“ wurde, anstatt sich von innen heraus entwickelt
zu haben16.

Die Ursprünge der Volkswirtschaftslehre als wissenschaftliche
Disziplin wie wir sie heute kennen, liegen in Großbritannien des 18.
Jahrhunderts, und beinahe die gesamte Wirtschaftslehre wurde in der
westlichen, individualistischen Welt entwickelt. Dies bemerkt auch
Hofstede, der daraus schließt, dass „da die im Westen entwickelten
Wirtschaftstheorien aber auf individualistischen Annahmen beruhen“ es
recht unwahrscheinlich ist, „dass sie auch in Gesellschaften Gültigkeit
haben, in denen nicht individualistische, sondern Gruppeninteressen im
Vordergrund stehen“ (Hofstede, S. 97). Es ist durchaus logisch, dass der
Grundbaustein der gesamten neoklassischen Theorie, der, seinen eigenen
Nutzen maximierende „homo oeconomicus“, dessen Existenz in reiner Form
schon bei uns im Westen angezweifelt wird, wohl in kollektivistischen
Gesellschaften, in denen Gruppeninteresse und Gruppenehre
handlungsleitend wirken, noch seltener anzutreffen ist. Ich werde später
noch näher untersuchen, ob dies nicht der unreflektierten Anwendung
neoklassischer Instrumente in Japan jede Grundlage entzieht .... "
20.07.05 08:24
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Beitrag #17
RE: Personalpronomen und Nihonjinron
Hmm, der "Anonyme" von eben war ich, war von einem anderen Rechner...

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20.07.05 08:30
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Anonymer User
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Beitrag #18
RE: Personalpronomen und Nihonjinron
Zitat:Eine Konsequenz daraus ist, dass das Wort „Nein“ oft nicht direkt ausgesprochen wird, und ein „Ja“ in Japan oft keine Zustimmung, sondern nur soviel bedeutet wie „Ich habe verstanden“ oder „Ich folge dem Gespräch“ (Hofstede, S. 76-77).
Was für ein Schwachsinn. Der ganze Diskurs ist Unsinn, da japanisches "hai" schlichtweg nicht gleich dem deutschen "ja" ist. Überschneidungen gibt es, ja, aber deckungsgleich sind die beiden nicht. Adios, tolle These...

Hat eigentlich auch nur einer von den Leuten, die soviel Müll über irgendwelche Kulturen, vorzugsweise auch noch "exotische", schreiben, die dazugehörige Sprache vernünftig gelernt? Die meisten Publikationen deuten deutlich in Richtung "nein". Waghalsige Thesen oder sonstige dämliche Behauptungen, aber Wissen? Substanz? Fehlanzeige.


Gefallene Angel
20.07.05 19:59
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Beitrag #19
RE: Personalpronomen und Nihonjinron
meine Güte, welche Arroganz, unterste Schublade..
20.07.05 22:32
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Ma-kun
Administrator

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Beitrag #20
RE: Personalpronomen und Nihonjinron
Nun, es handelt sich hierbei um ein indirketes Zitat. Wir wissen leider nicht, was genau Hofstede im Original schreibt, wie sehen nur die Worte Stefan Strassers, der versucht, eine Passage Hofstedes sinngemeäß wiederzugeben. Ich habe leider Hofstedes Buch gerade auch nicht zur Hand (die neueste Ausgabe ist zur Zeit in der Bibliothek verliehen) und kann das leider momentan auch nicht aufklären. Auf jeden Fall wäre ich vorsichtig damit, Hofstede und andere Forscher in einem Aufwasch dem Urteil des Pauschalierens zu unterwerfen.

Die Grundidee der Studie war es wohl, etwas so komplexes wie kulturelle Unterschiede in (selbst für Manager) verständlicher Form zu erklären. Das erarbeitete Konzept der vier (mitlerweile fünf) Kulturdimensionen ist wunderbar übersichtlich, und gerade das ist das Problem dabei.
Das Konzept ist so verführerisch einfach, daß es so ungeheuer oft zitiert worden ist, daß es auf dem besten Weg ist, von Sekundärliteratur zugewuchert zu werden. Wenn man ein Urteil darüber fällen will, muß man aber unbedingt das Original lesen. Die Zielsetzung der Studie, ihr Instrument, die Datenerhebung, - auswertung und -interpretation.

Deinen Einwand, Gefallene Angel, finde ich aber sehr interessant. Ich weiß leider nicht, wie es um Hofstedes Fremdsprachenkenntnisse bestellt ist. Ich denke auch, daß die Sprache extrem wichtig für das Verständnis für eine Kultur ist. Soviel ich mich aber erinnere (das muß ich am Original nachprüfen), hat Hofstede mittels eines quantitativen Fragebogens in der Firmensprache (also Englisch) erhoben. Wenn er seine Daten interpretiert meint er, glaube ich, daß man allgemein in Gespräch dazu tendiert, direkte Widersprüche zu vermeiden.

Ich weiß gar nicht, ob der größere Bedeutungsumfang von "hai" der These so sehr widerspricht. Die Tatsache, daß es ein Wort gibt, das das Gespräch auf harmonische Art und Weise voranzutreibt, scheint sie mir eher zu stützen. Aber vielleicht können wir darüber diskutieren.

Was den Vorwurf des "exotischen" betrifft. Hofstede hat sich auch mit so Antipodischem wie Österreich beschäftigt. Wie gesagt, es war eine Studie in allen IBM-Niederlassungen.

Vielleicht noch ein Wort, gefallene Angel: ich drücke es nicht so aus, wie adv, aber ich verstehe sehr gut, warum er so denkt. Wenn Du eine Studie kritisierst, wäre es besser, wirklich Argumente aufzufahren, z.B.: methodische Fehler nachzuweisen oder ander Interpretationen anzubieten.
Ein so pauschales Urteil, wie Du es größtenteils fällst, führt leider nicht weiter.

@adv: ich besorge mit die neueste Ausgabe vom Hofstede, dann kann ich Dir mehr sagen. Vielen Dank fürs Heraussuchen der Arbeit von Strasser.
Hofstede gibt hier selbst eine Kurzzusammenfassung seiner Dimensionen: http://feweb.uvt.nl/center/hofstede/page3.htm
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 20.07.05 22:42 von Ma-kun.)
20.07.05 22:37
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Personalpronomen und Nihonjinron
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