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Toru Takemitsu - CD-Empfehlung
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Zwiebelmeister


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Beitrag #1
Toru Takemitsu - CD-Empfehlung
Ich versuch meinen Einstand mal mit einer kleinen CD-Empfehlung. Da dies ein Forum über die japanische Sprache ist, mag Takemitsu wohl den einen oder anderen bekannt sein. Wie auch immer.

Toru Takemitsu: Quotation of Dream
London Sinfonietta, Oliver Knussen (Dirigent)
Erschienen in der Serie 20/21 bei Deutsche Grammophon

Für diejenigen, denen Toru Takemitsu kein Begriff ist: Takemitsu (1930-1996), der wohl bekannteste japanische Komponist, könnte wohl als moderner Debussy bezeichnet werden. Er war zum grössten Teil Autodidakt und schrieb neben seiner Kompositionstätigkeit auch noch einen Detektivroman, drehte einen Dokumentarfilm über den Architekten Antoni Gaudi und war ein begeisterter Kinogänger (er behauptete von sich selbst, über 300 Mal pro Jahr ins Kino zu gehen). Seine Musik ist filigran und farbig. Sie ist meist langsam und leise, etwas verhalten. Manche sagen, alle Stücke klängen ein wenig gleich (darüber kann man diskutieren). Igor Stravinsky hörte in Tokyo sein Requiem für Streichorchester, bezeichnete es als Meisterwerk und sagte dem jungen Takemitsu eine grosse Zukunft als Komponist voraus. Nebst Konzertmusik schrieb er auch Filmmusik, u.a. für Akira Kurosawa (z.B. "Ran").

Nun aber zur CD: Als Rahmen dienen zwei kurze Stücke für Blechbläser, Day Signal und Night Signal. Hübsch sind sie, gut gespielt, aber irgendwie passen sie nicht ganz zu den restlichen Werken. Da sie dem Dirigenten Oliver Knussen gewidmet sind, möge ihm das hier verziehen werden. Ein Makel ist, dass die Aufstellung der Spieler im Raum (zwei Gruppen, je eine links und rechts) und der daraus resultierende Raumklang schlecht hörbar ist.
Das zweite Stück, Quotation of Dream für zwei Klaviere und Orchester, ist hier erstmals auf CD vertreten (daher auch der grellgrüne Aufkleber "World Premiere Recording" auf dem Cover"). Paul Crossley und Peter Serkin, beide Vertraute mit Takemitsus Musik, spielen ihre Parts mit der nötigen Zurückhaltung. Dies ist keine Virtuosenmusik, die enormes technisches Können voraussetzt, aber es zeigt umso besser die feinen Nuancen des Klavierspiels. Auch das Orchester spielt gut, drängt sich nicht in den Vordergrund. An einigen Stellen hat Takemitsu ganze Takte aus Debussys "La Mer" zitiert, die aber aufgrund der stilistischen Nähe, kaum als Fremdkörper auffallen. Ein hübsches Stück, aber nicht das Highlight der CD (das kommt erst noch).
Als nächstes ein Stück für kleineres Orchester, "How Slow the Wind" (der Titel ist einem Gedicht von Emily Dickinson entnommen). Paradoxerweise ist es eines der schnellsten Stücke auf dieser CD. Hier bekommt man die extremen Register des Orchesters zu hören, immer wieder unterteilt von Schlägen der Almglocken, wie diejenigen einer Uhr.
Nummer 4, "Twill by Twilight" (das versprochene Highlight), 1988 im Gedenken an den verstorbenen Komponisten Morton Feldman geschrieben, ist ein gewaltiges Stück Musik, eines, das stetig an Energie gewinnt und in einer Klangwoge gipfelt, nur um dann wieder zu versinken und nochmal aufzusteigen (das erinnert mich an Hokusais Welle). Der Titel sorgte auch für eine kleine Anekdote: Knussen fragte Takemitsu: "Wieso Twill by Twilight?", worauf dieser antwortete: "Schau im Wörterbuch nach".
Das nächste Stück, "Archipelago S." hat dieselben Probleme wie Day Signal/Night Signal. Auch hier ist eine Aufstellung der Spieler im Raum verlangt, was mit Stereoklang nicht hörbar wird. Das müsste man live hören. Auch so ist es aber ganz hübsch anzuhören.
"Dream/Window" schliesslich ist eine musikalisches Abbild des Moos-Tempels in Kyoto. Überhaupt hat Takemitsu gerne den japanischen Garten als Sinnbild für seine Musik verwendet, ein Garten, durch den man hindurchgeht und ihn aus vielen Perspektiven heraus wahrnimmt. Manche halten es für das Meisterwerk des Komponisten, ich persönlich würde diese Ehre eher "Twill by Twilight" verleihen.

Insgesamt würd ich diese CD jedem empfehlen, der beim Begriff "Zeitgenössische Klassik" nicht schreiend das Weite sucht, weil er damit gemeinhin Schönbergs Zwölftonmusik assoziiert. Vom Stil her ist das wirklich moderner Debussy. Wer dessen Musik oder auch diejenige von Ravel mag, wird Takemitsus Musik auch mögen. Sie ist nicht aufdringlich, also auch gut im Hintergrund zu hören.

Ich hoffe, ich habe jetzt niemanden damit erschlagen. Zum Schluss noch den Amazon-Link: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/B0...96-2761669

Fröhliches Hören.

EDIT: Ach ja, wer die CD kennt, oder sonstwie drüber diskutieren möchte, ist herzlich dazu eingeladen. Leider sind Takemitsu-Aufnahmen immer noch rar hierzulande. Wer also sonst noch was kennt, immer her damit.

私はアイスクリームを持つ。出しかねる。出すと溶ける。
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 07.03.04 23:49 von Zwiebelmeister.)
07.03.04 23:45
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