Antwort schreiben 
Wiedervereinigung
Verfasser Nachricht
torquato


Beiträge: 2.789
Beitrag #11
RE: Wiedervereinigung
Ja, das Mißverständnis kommt auch noch oben drauf. Natürlich sollten eigentlich zuerst die zuständigen Kreisdienststellen Visa erteilen, mit denen man dann zu den Grenzüberganstellen gehen sollte. Dieses Mißverständnis ist mW. hauptsächlich abends durch die Westnachrichten (Heute journal und Tagesthemen) verbreitet worden, so daß sich dann die Ostberliner gesagt haben "Laß uns doch mal gucken gehen".

Allerdings wußten auch Schabowski und das Politbüro nicht so richtig was das ganze denn bedeuten würde.

Ach ja, und auch diese Regelung sollte nicht 'ab sofort' gelten. Schabowski wußte schlichtweg nicht, daß es für diese Pressemitteilung eine Sperrfrist bis zum nächsten Morgen gab. Aus Unkenntnis hat er sie schlichtweg ignoriert. Genauso, wie er diese Regelung in der Pressekonferenz eigentlich ignoriert hatte, bis er von einem Journalisten auf das Thema Ausreisen angesprochen wurde.

Ich bin auch ziemlich sicher, daß eine solche Regelung in jedem Fall der Sargnagel für die DDR gewesen wäre, auch wenn der Ablauf anders gewesen wäre. Ich glaube nicht, daß den Beteiligten das richtig klar war.

Insofern bleicbe ich dabei: Eine ganze, unglaublich komische Kette von Mißverständnissen.

Aber Firithfenion, erzähl doch mal. Wann bist Du aufgrund welcher Nachrichten los? Zu welcher Grenzstelle? Was hast Du gemacht, etc.? Mich würde das sehr interessieren.
19.11.14 19:33
Alle Beiträge dieses Benutzers finden Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Firithfenion


Beiträge: 1.241
Beitrag #12
RE: Wiedervereinigung
(19.11.14 19:33)torquato schrieb:  Aber Firithfenion, erzähl doch mal. Wann bist Du aufgrund welcher Nachrichten los? Zu welcher Grenzstelle? Was hast Du gemacht, etc.? Mich würde das sehr interessieren.

Also ich war auf Arbeit und hatte Nachtschicht. Natürlich wurde Radio gehört und wie immer in der Nachtschicht, wenn keine Anscheißer mehr da sind, wurde "Westradio" gehört. Dort wurde über die Presekonferenz berichtet und einige Zeit später darüber das sich vor einigen Grenzübergängen Menschenmengen gebildet hätten. Dann hörte man davon das es einige wohl irgendwie geschafft hatten durchgelassen zu werden und jetzt drüben in den Kneipen und auf den Straßen feierten.

Ich spürte das sich etwas ganz aussergewöhnliches ereignete. Es war aber schon Wochen vorher klar, das sich irgendetwas ereignen würde. Spätestens mit dem Rücktritt von Erich Honnecker und der großen Massendemonstration auf dem Alexanderplatz eine Woche vorher (bei der ich ebenfalls anwesend war) war mir klar, dass das Eis gebrochen war und es niemals mehr so werden würde wie zuvor.

Kurz gesagt, ich glaubte schon den Radioberichten das es einige "rübergeschafft" hatten aber ich konnte mir nicht vorstellen, das die nun wirklich JEDEN der wollte noch diese Nacht rüberlassen würden.

Gegen Mitternacht kam dann ein Kollege der ein Auto (Wartburg) besaß und Feierabend hatte uns mit das er jetzt gleich mal losfährt sich das anschauen. Ich hätte noch bis 4.00 Uhr arbeiten müssen aber mein Schichtleiter schaute mich an und meinte nur: "Ich sehe wie aufgeregt du bist, steig ein und fahr mit, wenn irgendeine Nachfrage kommt ich nehm's auf meine Kappe und sag ich hätte dich nach Hause geschickt weil dir schlecht geworden ist. Solltet ihr es bis nach drüben schaffen, ruft doch einfach mal hier an und lasst es mich wissen, ich hab noch nie einen Anfruf aus dem Westen erhalten..."

Ich fuhr also mit dem Kollegen und einem weiteren Kollegen mit. Das Auto stellte er am Bahnhof Friedrichstraße ab weil er doch irgendwie Sorgen hatte, das Auto könnte in dem Gemenge und der Aufregung beschädigt werden. Vom Bahnhof Friedrichstraße fuhren wir mit der S-Bahn irgendwie bis zum Kurfürstendamm. Ich sage "irgendwie" weil wir als DDR Bürger ja überhaupt keinen richtigen Plan von der Geografie Westberlins hatten. Westberlin war auf dem DDR Schulatlas so weiß wie die Antarktis mit der Aufschrift "besonderes politisches Gebiet Westberlin". Stadtpläne Westberlins gab es in der DDR selbstverständlich nicht. Wir folgten aber einfach den Menschenmassen und fanden uns dann tatsächlich in Westberlin am Kurfürstendamm wieder.

Der Übergang durch die Kontrollstellen war übrigends ganz problemlos. Als bekennender Skeptizist glaubte ich bis zuletzt das man uns zurück schicken würde, aber die Schlange schob einfach weiter und ein paar völlig apathische, desorientierte und mit geistesabwesenden Blick dreinschauende Kontrollposten knallten uns nur einen Stempel in den Ausweis und liessen uns durch. Erst Jahre später erfurh ich, das dieser Stempel eigentlich die Ausbürgerung bedeuten sollte.

Am Kurfürstendamm bummelten wir dann wie im Traum entlang, bewunderten die schönen Autos im Schaufenster eines Autohauses, (ich bewunderte auch die schönen Nutten) und viele andere schöne Sachen die man bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Ich erbettelte mir bei einem Westberliner ein paar Groschen mit denen ich meinen Schichtleiter den erwünschten Anruf aus Westberlin zuteil werden liess und ihm unser erfolgreiches Überqueren der Grenze mitteilte. Dann kaufte ich mir noch die Morgenausgabe der Westberliner BZ mit der Riesenschlagzeile "DIE MAUER IST WEG!" und wir machten usn wieder auf den Heimweg.

Wegen des prekären Wohnungsmangels in der DDR wohnte ich damals noch bei meinen Eltern und ich war ungefähr um die Zeit zuhause, wo auch meine Schicht offiziell beendet gewesen wäre. Meine Eltern waren schon wach und glaubte ich wüsste von nichts und sie könnten mich damit überraschen. "Weisst du schon das neueste, fragte meine Mutter, "die Mauer ist weg!".

Ja, sagte ich, und schaut mal, ich habe euch schon die Morgenzeitung aus Westberlin mitgebracht.... da klappten meinen Eltern wiedrum die Kinnladen vor Erstaunen herunter....

Ja es war schon eine aufregende Zeit, ganz ohne Frage.

Truth sounds like hate to those who hate truth
19.11.14 22:02
Alle Beiträge dieses Benutzers finden Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Nia


Beiträge: 3.699
Beitrag #13
RE: Wiedervereinigung
Danke fuer den Bericht, Firith.

Aus Westsicht erinnere ich mich daran vor dem Fernseher mit grossen Augen gesessen zu haben, in dieser Zeit.

“A poet is a musician who can't sing.”
― Patrick Rothfuss, The Name of the Wind
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 19.11.14 22:46 von Nia.)
19.11.14 22:41
Alle Beiträge dieses Benutzers finden Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
torquato


Beiträge: 2.789
Beitrag #14
RE: Wiedervereinigung
Ja, wirklich interessant. Danke Dir.

Vom S-Bahnübergang Friedrichstr. habe ich in diesem Zusammenhang noch nie gehört. Der war doch eigentlich nur für Besucher aus dem Westen, oder nicht? Ich kann mich da noch dunkel aus meiner Kindheit dran erinnern. Ganz schmale Durchlässe für die Paßkontrolle. Fand ich sehr einschüchternd, wie das ganze dort ablief.
Obwohl, dann gab es da ja noch diesen Übergang am ehemaligen Tränenpalast. Aber war der nicht eigentlich nur für Rentner mit Reiseerlaubnis..? kratz

War der Stempel wirklich noch auf/über dem Paßphoto? MW wurde diese Praxis ja noch im Laufe der Nacht wieder geändert. Hast Du den noch?
19.11.14 23:05
Alle Beiträge dieses Benutzers finden Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Hachiko


Beiträge: 2.596
Beitrag #15
RE: Wiedervereinigung
@Firith

Eine gute und eindrucksvolle Erzählung, ebenfalls ein Dankeschön meinerseits.
19.11.14 23:30
Alle Beiträge dieses Benutzers finden Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Yano


Beiträge: 2.150
Beitrag #16
RE: Wiedervereinigung
Auf westlichen Landkarten waren auch nicht alle Straßen in der DDR verzeichnet. Es gab z.B. geheime Autobahn-Ausfahrten, habe ich selber gesehen.
In jenen Wochen war mir was anderes wichtiger. Mein zweites Kind kam - und dieses hat überlebt. Freude-trunken habe ich zwar die Fernsehbilder verfolgt. Aber die Vertreibung hatte meine deutschen Familienbande bereits zerstört. Die aus der DDR kamen nur einmal kurz zu Besuch, zu den wenigsten konnte ich eine Beziehung aufbauen, und wenn doch, dann war das instabil; ich habe auch unter dem Einfluß der BRD-Ideologie inakzeptable Sachen gesagt, was ich sehr bereue.
:
Und was Nordkorea anbelangt, hege ich den Verdacht, daß wir es da mit einer Kleptokratie zu tun haben. Südkorea wäre durchaus in der Lage, 17 Millionen Leute mit Reis zu beliefern, Nordkorea halt zeitweise nicht.
Die Hoffnung, die viele in den jungen Führer des Staates gelegt haben, erfüllen sich kaum. Er ist sehr isoliert, vielleicht selbstgewollt.
19.11.14 23:53
Alle Beiträge dieses Benutzers finden Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
torquato


Beiträge: 2.789
Beitrag #17
RE: Wiedervereinigung
(19.11.14 23:53)Yano schrieb:  Auf westlichen Landkarten waren auch nicht alle Straßen in der DDR verzeichnet. Es gab z.B. geheime Autobahn-Ausfahrten, habe ich selber gesehen.

Und dafür brauchte es natürlich Spezialagent Yano in geheimer Mission, um die zu erfassen... hoho

Solche Ausfahrten waren (und sind!) auf den normalen Straßenkarten idR nicht erfaßt, weil sie für den normalen zivilen Straßenverkehr nicht zugelassen sind. Solche Zuwegungen gibt es auch heute noch. Meistens sind das Zufahrten für die Autobahnstraßenmeisterei. Ein zusätzlicher militärischer Sinn kann da immer noch mit drinn stecken, hüben wie drüben, gestern wie heute.

Firith meinte aber nicht das Fehlen einzelner Wege, sondern einen kompletten Black Spot, terra incognita.

(19.11.14 23:53)Yano schrieb:  Mein zweites Kind kam - und dieses hat überlebt.

Scherz beiseite. Das ist persönlich natürlich etwas ganz, ganz anderes. Da fehlen mir die richtigen Worte... Um so schöner zu hören, daß die Familie heute prosperiert.^^


Ja, Nordkorea ist so ziemlich das isolierteste Land der Welt. Selbst China hat sich inzwischen politisch eigentlich schon abgewandt. Sie treiben viel lieber Handel mit Südkorea. China füttert Nordkorea zZt aber noch durch, weil es darin eine geopolitische, militärische Pufferzone sieht. Man kann schon ein bißchen Angst bekommen, was passiert, wenn auch dieser letzte Faden Nordkoreas reißt.
Das Wohlstandsgefälle zwischen Nord- und Südkorea ist heutzutage viel größer als das, welches es damals 1990 zwischen der BRD und DDR war. Nordkorea ist zwischen zwei Industrienationen eingeklemmt, neben der DDR damals gab es noch den Rest des Ostblocks, der auch nicht weiter entwickelt war.
Bei einer Nord-Südkoreanischen Wiedervereinigung wäre die Brücke, die zu überwinden wäre eine viel größere. Südkorea weiß, auch aufgrund der Deutschen Wiedervereinigung, was so etwas an Kosten verursachen würde. Trotzdem würden sie es machen wollen. Nur gäbe es dann das Problem, daß China als (noch) Protektor Nordkoreas anders eingreifen wollen würde, als es die Sowjetunion damals bei unserer Wiederverfeinigung getan hat...

Mein Fazit: Eine Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea wäre möglich, aber ich wüßte nicht wie.
20.11.14 01:13
Alle Beiträge dieses Benutzers finden Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Reizouko


Beiträge: 634
Beitrag #18
RE: Wiedervereinigung
Ich fuehle mich ploetzlich so jung. Als die Mauer gefallen ist, gab es mich noch nicht mal.
Lustigerweise habe ich das erste mal so einen Erfahrungsbericht gelesen. In dem Dorf, aus dem ich komme, hat man von der Wiedervereinigung wohl nur aus den Medien gehoert.
20.11.14 03:21
Alle Beiträge dieses Benutzers finden Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Yano


Beiträge: 2.150
Beitrag #19
RE: Wiedervereinigung
(20.11.14 01:13)torquato schrieb:  Mein Fazit: Eine Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea wäre möglich, aber ich wüßte nicht wie.
Die Koreaner sind einfach härter drauf. Ich war nie in Nordkorea, aber in Südkorea etliche Wochen, die sind きつい und うるさい aus japanischer Sicht, da kannst ja Angst kriegen, auch die in J ansässigen Koreaner sind oft bissi 怖い im Auftreten. Aber mein Urteil ist getrübt, denn ich kann letztlich von mir behaupten, daß ich die koreanische Sprache nicht kann.
20.11.14 03:22
Alle Beiträge dieses Benutzers finden Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Hachiko


Beiträge: 2.596
Beitrag #20
RE: Wiedervereinigung
きつい passt schon, habe Koreaner sehr oft als starrsinnig mit einer Tendenz zu extremem Chauvinismus erlebt. Um dies beurteilen zu können muss man nicht unbedingt die Sprache beherrschen, das Verhalten alleine lässt auf so einiges schliessen.
Was mir ebenfalls aufgefallen ist, Koreaner schimpfen sehr gerne auf Japaner, andererseits bewegen sie sich besonders im Ausland in der japanischen Szene, man kann dies in Düsseldorf gut beobachten, schon widersprüchlich, US-Amerikaner nennen so ein Verhalten double-faced.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 20.11.14 10:02 von Hachiko.)
20.11.14 04:08
Alle Beiträge dieses Benutzers finden Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Wiedervereinigung
Antwort schreiben