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Zeit der Morgenröte - Ausstellung in Berlin
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Fudschi


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Beitrag #1
Zeit der Morgenröte - Ausstellung in Berlin
gefunden im Tagesspiegel vom 19.11.2004

Reis und Spiele

Heute eröffnet im Berliner Martin-Gropius-Bau die große Japan-Ausstellung „Zeit der Morgenröte“

Von Nicola Kuhn

Bitte schön, was ist Paläolithikum? Ein pharmazeutisches Tonikum, ein Motorelement? In Deutschland gäbe es bei einer Straßenbefragung vermutlich wenige Treffer. In Japan aber gehört Steinzeitkunde zum Schulunterricht, im Fernsehen laufen wöchentlich archäologische Sendungen, in den Buchhandlungen liegen ganz vorne die Bestseller der Altertumsforschung, für die Jüngeren übersetzt in Comicform, als Mangas. Die richtige Antwort würde man dort also schnell erhalten: Denn im Paläolithikum, vor 45 000 Jahren, beginnt die Besiedlung Japans, Steinklingen und Knochenmesser lassen sich nachweisen, am Ende dieser Epoche sogar erste Keramiken.

Außerhalb der Landesgrenzen ist allerdings nur wenig bekannt, dass die Fortschrittsnation schlechthin seit Jahren einen Archäologie-Boom erlebt. Die Nachfrage verwundert nicht. Denn in Zeiten der Globalisierung, wo die eigene Geschichte zunehmend abhanden kommt, gewinnt die Rückbesinnung auf die Wurzeln existenzielle Bedeutung. Insbesondere in Japan, wo nach den Zerstörungen des Krieges und rasantem Wirtschaftswachstum verbunden mit einer rücksichtslosen Bauwut die Historie kaum noch sichtbar ist, besitzen die spektakulären Bodenfunde der Achtziger- und Neunzigerjahre eine Identität stiftende Funktion. Allerdings lässt sich nur in wenigen anderen Ländern die Vergangenheit so schnurgerade mit der Gegenwart verbinden: Reisanbau, Essensrituale, Fischfang, Lackobjekte, Keramiken haben sich über Jahrtausende überliefert.

Von den ersten Jägern und Sammlern bis zu den U-Bahn-Benutzern von heute ist es also nur ein Katzensprung. Mit dieser erstaunlichen Video-Botschaft entlässt die spektakuläre Japan-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau den Besucher. Für hiesige Betrachter geht diese Zeitreise ein wenig zu schnell. Teezeremonie, Tempelbauten, No-Theater sind hierzulande geläufig, nicht zuletzt nach den großen Ausstellungen und Gastspielen der letzten Jahre, mit denen sich Japan seinem europäischen Handselspartner bekannt gemacht hat. Die Spanne von der Frühzeit bis zu den ersten Kaisern im 8. Jahrhundert aber war in Deutschland bislang ein weißer Fleck. Publikationen, Kenner dieses Gebietes gibt es kaum. Die 1500 Objekte umfassende Schau „Zeit der Morgenröte“ will da Abhilfe leisten. Kein einfaches Unterfangen, denn Pfeilspitzen, Keramikscherben, Samenkapseln sind als Exponate nicht unbedingt erregend. Doch die japanische Archäologie versteht ihr Geschäft; die perfekt restaurierten Objekte vermögen tatsächlich Geschichte zu erzählen und sei es durch ihre Bedeutung für die Gegenwart.

Eine solch emblematische Bedeutung besitzt etwa jene brettförmigeTonstatuette, die an der San-nai-maru-yama-Fundstelle entdeckt wurde, als man dort eigentlich ein Baseball-Stadion errichten wollte. Ihr Mund ist expressiv aufgerissen, die Augen weit geöffnet, Brüste und Geschlecht sind durch kreisförmige Scheiben dargestellt. Die 7000 Jahre alte Fruchtbarkeitsgöttin gilt heute als Star; stolz ziert sie das Wappen der ansonsten wirtschaftlich angeschlagenen Präfektur Aomori, die sich hiermit zumindest ihrer Vergangenheit rückversichert. Ähnlich verhält es sich mit den fünf Flammenstil-Keramiken aus der Jomon-Hochzeit (12000 bis 500 v. Chr.), von denen bis heute nicht geklärt ist, ob es sich um aufwändiges Kochgerät oder rituelle Gefäße handelt. Der sich dramatisch in die Höhe züngelnde Schalenrand hat dieser außergewöhnlichen Keramik ihren Namen verliehen, die heute als Symbol der Präfektur Niigata dient. Fünf der insgesamt 87 überlieferten Objekte durften nach Deutschland reisen – nachdem die verbliebenen 82 vor drei Wochen durch ein Erdbeben zerstört wurden, sind die hier gezeigten Stücke nun umso wertvoller.

Bei so viel Gegenwartsbezug verwundert es kaum, dass eine solche Archäologie-Schau sogar politischen Sprengstoff besitzt. Nur peu-à-peu werden die Japaner mit der neuesten Forschung vertraut gemacht, wenn sich kaum noch ignorieren lässt, dass der Reisanbau nicht im eigenen Lande erfunden wurde, sondern ein Import aus China ist, oder die Vorfahren keineswegs eine homogene Gruppe bildeten, vielmehr sich mit Einwanderern der koreanischen Halbinsel mischten, wie sich am Beispiel zweier Schädel belegen lässt. Wenn die von den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, den Berliner Festspielen sowie dem Japanischen Kultusministerium organisierte Ausstellung als nächstes in Tokio zu sehen ist, wird also auch im Lande selbst mit so mancher Legende aufgeräumt. Dazu gehört auch die Vorstellung, dass die frühen Reisbauern ein friedliches Völkchen waren. Vom Kontinent holte man sich mit Beginn der Yayoi-Zeit im 9. bis 8. Jahrhundert v. Chr. nicht nur das Know-how für die Bestellung nasser Felder, sondern guckte sich auch die gesellschaftliche Organisationsform ab, denn beim hochkomplizierten Reisanbau mussten alle anpacken.

Die nächsten Schritte sind vorhersehbar: Gruppen bilden sich heraus, Clans grenzen sich voneinander ab. Als Machtdemonstration werden Bronzeglocken an den Grenzen eines Anbaugebiets aufgehäuft. Von dort ist es nicht mehr weit zu Taten, um sich der Konkurrenz um Ackerland und Wasserquellen zu erwehren. Die Ausstellung zeigt die schönsten dieser immer aufwändiger gestalteten Glocken, die nicht mehr zum Läuten, sondern nur noch Demonstrationszwecken dienten. Am Ende klirren dann die Waffen; die japanische Inselgruppe wird von Kriegen erschüttert. Die nächste Epoche, die Kofun-Zeit - so genannt nach der Schlüsselform gigantisch großer Grabhügel – , gehört auch schon den Herrschern, zuletzt den Kaisern. Ihre Grabbeigaben sind heute die wichtigsten Quellen. Darunter befinden sich auch die tönernen Haniwas in Gestalt von Menschen, Tieren Häusern, mit denen die Zäune der Grabanlagen geschmückt wurden. Durch sie weiß man vom Aussehen der frühen Japaner, deren Kleidung, Haartracht, Schmuckvorlieben. Damals zum Beispiel trug man Ohrgehänge. Erst in den letzten zwanzig Jahren kehrte diese Mode als West-Import wieder zurück. Zur Erleichterung vergangenheitsverliebter Japaner wenigstens – historisch korrekt.

Martin-Gropius-Bau, bis 31. Januar; Katalog 27,50 €, mit Handbuch 45 €.
19.11.04 09:41
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Ex-Mitglied (AU)
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Beitrag #2
RE: Zeit der Morgenröte - Ausstellung in Berlin
Habe die Ausstellung dieses Wochenende besucht und war sehr beeindruckt! Die kostenlose (!) Führung hat ca. 1 1/2 Stunden gedauert. Jeden Cent wert ist vor allen Dingen auch das Handbuch ... ich habe mir direkt den Katalog dazugekauft. Ein echtes Schnäppchen!
21.11.04 23:16
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asodesuka


Beiträge: 241
Beitrag #3
RE: Zeit der Morgenröte - Ausstellung in Berlin
Die Ausstellung geht noch ein paar Tage und wer noch nicht da war, sollte hingehen - insofern er/sie sich für die Frühgeschichte Japans interessiert. Ich fand es sehr spannend, trotz leichten Fiebers und dem Kater vom Vortag!
Es gibt einen Audioguide, was es auch spannend Alleine macht, oder man nimmst sich sone Ohrstöpsel Kopfhöher mit und geht zu Zweit(so wie ich/wirzwinker). Man muss allerdings ein wenig Zeit mitbringen, wenn man Alles mitnehmen will. Wir haben ca 3 oder 3 anhalb Stunden gebraucht und waren noch fast schnell. Am meisten haben mich die Erklärungen und Ausstellungstsücke über die Lacktechnik und die Bronzespiegel begeistert, gefolgt vom Schmuck.
Faszinierend waren auch die ersten Kalligraphischen Aufzeichnungen, die so ganz anders sind als heute.


asodesuka

Wir verbringen so viel Zeit mit dem Ziel mehr Zeit zu haben, so das wir in Wirklichkeit gar keine mehr übrig haben diese zu genießen. ...
23.01.05 02:14
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Dietomaa


Beiträge: 87
Beitrag #4
RE: Zeit der Morgenröte - Ausstellung in Berlin
Ich habe die Ausstellung letztes Jahr in Mannheim gesehen und kann sie ebenfalls nur allen, die sich für die Frühgeschichte Japans interessieren, wärmstens empfehlen.

Und - wie asodesuka schon sehr richtig sagte - Zeit mitbringen! Die Informationen bei den Objekten und im Audiokommentar waren so interessant, dass ich gute 4 Stunden gebraucht habe.

Also: tolle Ausstellung - unbedingt hingehen.
23.01.05 13:01
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Nora


Beiträge: 2.091
Beitrag #5
RE: Zeit der Morgenröte - Ausstellung in Berlin
Ich habe die Ausstellung nicht gesehen, aber ein koreanischer Freund von mir, der auch ostasiatische Kunstgeschichte studiert. Er meinte, die Ausstellung sei interessant, aber die Daten stimmen mit keinen bisher bekannten überein - d.h. besonders, daß die Ursprünge der japanischen Kultur dort weiter zurückdatiert sein sollen, als das von anderen Lehrmeinungen eingeschätzt wird.
Leider habe ich keine Zeit, mich selbst davon zu überzeugen, obwohl ich die Ausstellung auch gern sehen würde.
23.01.05 13:19
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asodesuka


Beiträge: 241
Beitrag #6
RE: Zeit der Morgenröte - Ausstellung in Berlin
Zitat:aber die Daten stimmen mit keinen bisher bekannten überein - d.h. besonders, daß die Ursprünge der japanischen Kultur dort weiter zurückdatiert sein sollen, als das von anderen Lehrmeinungen eingeschätzt wird.
Ja, aber das wird auch gesagt; das aufgrund der Funde einige Daten "umgeschoben" wurden. Ok, bei einigen "Werkzeugen" frage ich mich wirklich, wie die Archiologen das als solches erkennen konnten - liegt wahrscheinlich am Kontex. Auch zweifel ich manchmal an den Interpretationen - aber ich bin keiner vom Fach und das mindert dennoch nicht das Interesse.

Es sind ja schlieslich alles nur Annahmen und Theorien und schreien förmlich danach wqiederlegt zu werden. Die Lehrbücher sind ja auch shcon ein paar Tage älter - und deswegen wird dort noch ne andere Meinung vertreten. Bzw ließen die damaligen zu grunde liegenden Fakten keinen anderen Schluß zu. So ist das haltgrins Nur doof wenn man das Alles gelernt hat und dann doch alles falsch war^^


freundlichst, asodesuka

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23.01.05 15:52
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gokiburi


Beiträge: 1.415
Beitrag #7
RE: Zeit der Morgenröte - Ausstellung in Berlin
Zitat:So ist das haltgrins Nur doof wenn man das Alles gelernt hat und dann doch alles falsch war^^
Kein Problem, die ganz Überzeugten machen dann eine Religion draus, eine Ideologie oder beides gleichzeitig...

Aber genug Gesellschaftskritik an dieser Stelle, bei Archäologie in Japan fällt mir etwas ein:
Da gab es doch vor einigen Jahren (2001/02?) einen Fall von einem hochangesehenen japanischen Archäologen, dessen Funde so bedeutsam waren, daß man eigentlich hätte die gesamte Geschichte der Inseln umschreiben müssen. Er wurde dank seines Erfolgs schon als "God's hand" bezeichnet, bis er dann schließlich aber just zu jener Zeit ganz zerknirscht zugeben mußte, all die ganzen sensationellen Fundstücke selber verbudelt zu haben...
Weiß jemand etwas näheres dazu? Einen ähnlichen Fall hatte (oder hat) die Archäologie der Uni Frankfurt ja auch, wenn ich recht informiert bin.

gokiburi, der auf jeden Fall versuchen wird, diese Ausstellung noch zu besuchen, ehe es zu spät ist. Und "Grüne Woche" ist ja auch noch, ach herrje...

♪♪あぁ蝶になる、あぁ花になる、
恋した夜はあなたしだいなの、♪♪
あぁ今夜だけ、あぁ今夜だけ、
もうどうにもとまらない!!! ♪♪  山本リンダ
23.01.05 16:05
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asodesuka


Beiträge: 241
Beitrag #8
RE: Zeit der Morgenröte - Ausstellung in Berlin
Leider nein - aber ich erinnere mich das dort etwas war.
Zitat:die ganz Überzeugten machen dann eine Religion draus, eine Ideologie oder beides gleichzeitig...
Ja, siehe 2WK, deswegen stehen Deutschland und Japan ja auch noch in der UNO Charta Art. 53 [ 2 ] als Feindstaaten hoho _ Deswegen nennt man sich ja auch manchmal gerne "alte Freunde"

Sarkastischen Scherz beiseite. Die Ausstellung ist gutgrins

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(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 23.01.05 16:35 von asodesuka.)
23.01.05 16:35
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yuxel


Beiträge: 299
Beitrag #9
RE: Zeit der Morgenröte - Ausstellung in Berlin
Wir driften zwar etwa ab, aber hier ein Link zur "God's hand" Geschichte. http://www.japantimes.co.jp/cgi-bin/geta...1106a3.htm

Einfach mit Google nach 捏造 und 考古学 suchen, man findet Tonnen Material dazu. (Das sieht man gleich, dass Archäologie einen ganz anderen Stellenwert in Japan hat.) Immerhin mussten nach dem Skandal die Geschichtsbücher für den Schulunterricht geändert korrigiert werden.
23.01.05 17:36
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asodesuka


Beiträge: 241
Beitrag #10
RE: Zeit der Morgenröte - Ausstellung in Berlin
OT: ROFL, das wird meine neue Ausrede : "I was tempted by the devil (und wenn nötig: "his evil and malicious spirits")

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(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 23.01.05 18:19 von asodesuka.)
23.01.05 18:18
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Zeit der Morgenröte - Ausstellung in Berlin
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