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Daniel In Japan
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Danieru


Beiträge: 738
Beitrag #71
RE: Daniel In Japan
Botchan: Ein paar Kommentare von meiner Seite zu deinen Beispielen...

Der Titel war relativ schnell entschieden. Alles andere als "Schrei nach..." stand allerdings nie so wirklich in Frage, da sich z.B. "nach Liebe schreien" im Titel eines deutschen Buches noch ungewöhnlicher anhört als der Titel ohnehin schon. Es hört sich einfach nach mehr an und ist üblicher im Deutschen.

Die ersten beiden Kapitel habe ich übersetzt, als ich noch in Japan wa (nach einem halben Jahr). Nachdem ich zurückgekommen bin, habe ich Einiges korrigiert. In Japan habe ich zum Beispiel noch viele oder alle diese Zeitformen belassen, die du bemängelst.
Ich habe mich allerdings nun für eine durchgängige Vergangenheitsform entschieden. In der ursprünglichen Übersetzung hieß es in der Tat "Morgens wache ich auf...", "So ist es jeden Tag" und so weiter...
Die die Anfangsszene unmißverständlich mit der darauffolgenden Fahrt in Zusammenhang steht, steht die Konkretisierung "an jenem Morgen" meiner Meinung nach richtig. Nicht nötig, die ersten vier, fünf Zeilen in einer anderen Zeitform zu schreiben und somit den Textfluss der deutschen Version zu stören. Das japanische Original besticht ja gerade durch seine Klarheit.

Für "Dokoka he nagareteita" hatte ich erst auch eine Konstruktion mit "irgendwo hin".

Die wörtliche Rede der Mutter hatte ich kurzzeitig als indirekte Rede ("sagt sie, ich solle") auf der Seite. Ob ich sie strenger klingen lassen sollte, weiß ich nicht. Das Wichtigste ist, die Dialoge natürlich klingen zu lassen.

Bei einer Übersetzung versuche ich, den Kern und die Aussage des Textes zu erfassen. Um das Ganze aber auch halbwegs lesbar zu machen, müssen allerdings auch kleine stilistische Änderungen getroffen werden, wenn man in eine Sprache wie das Deutsche übersetzt. Man soll ja nicht zwingend merken können..."Na ob das nicht aus dem Japanischen kommt?"

人生は一箱のマッチに似ている。重大に扱うのはばかばかしい。重大に扱わねば危険である。『芥川龍之介』
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 04.11.05 11:17 von Danieru.)
04.11.05 10:56
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Beitrag #72
RE: Daniel In Japan
Zitat:Ich habe mich allerdings nun für eine durchgängige Vergangenheitsform entschieden.

kratz
"Ich liege eine Weile im Futon - geistesabwesend -, bis meine Mutter ins Zimmer schaut: "Nun steh' aber mal langsam auf", sagt sie. Es ist kein Schnee gefallen, aber die Straße ist weiß gefroren. Etwa die Hälfte der Autos fährt mit Ketten an den Reifen. Auf dem Beifahrersitz des Autos, das Papa fährt, sitzt Akis Vater. Akis Mutter und ich haben auf den hinteren Sitzen Platz genommen. Die beiden Männer vorne sprechen über nichts Anderes als den Schnee." Vergangenheit??

Bernd
04.11.05 11:30
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Botchan


Beiträge: 642
Beitrag #73
RE: Daniel In Japan
@Daniel: Ein paar Kommentare zu Deinen Kommentaren...

Ich gebe Dir recht, daß es nicht einfach ist, gut zu übersetzen. Aber gerade deswegen ist es mit einem "war schnell entschieden" nicht getan. Du gehst nur auf sehr wenige der Punkte ein, die ich in den ersten paar Sätzen Deines Textes anzumerken hatte. Das ist ok. Ich werde mich also zu einigen von diesen Kommentaren äußern.

Das "wakaranai" in die Vergangenheit zu setzen, ist unsinnig, denn es geht dem Autor/Protagonisten darum zu sagen, daß er es mittlerweile (also JETZT) nicht mehr sagen kann, nicht, daß er es beim Aufwachen nicht mehr wußte.

Die Tempora sind ja auch im Japanischen nicht nach Lust und Laune gesetzt, sondern haben ihren Sinn - genau wie im Deutschen. Da kann man nicht sagen: Ich mache - der Einheitlichkeit zuliebe - einfach alles in der Vergangenheit. Übrigens stimmt es ja gar nicht: Du hast die Erzählung eben NICHT in der Vergangenheit gelassen, sondern ins Präsens gesetzt (siehe Bernds Post). Es geht also nicht um die ersten vier, fünf Zeilen, sondern um die ganze Geschichte. (Auch die folgende Fahrt im Auto usw. usf. - im Original alles Vergangenheit, bei Dir alles Gegenwart).

Daß das Original durch "Klarheit" besticht, will ich nicht leugnen. Allerdings machst Du (wie oben erwähnt) Dinge oft deutlich komplexer und stilistisch überfrachteter als sie sind (und zerstörst damit eben gerade die "Klarheit"), und zum anderen waren (sind?) Dir offenbar trotz der Klarheit des Originals diverse grammatische/lexikalische/... Probleme (noch) NICHT klar. [Ich beziehe mich ja durchaus auf Deine aktuelle Version, nicht etwa die von damals - und zur jetzigen sagst Du: "Ich habe Fehler in den ersten beiden Kapiteln korrigiert".]

Weiters habe ich NICHT gesagt, daß Du die Mutter strenger klingen lassen sollst. (War mein Text mißverständlich? Ich glaube nicht.) Ganz im Gegenteil! Ich sagte, sie klingt in Deiner Übersetzung kommandohafter als im Original.

Über die Art von "Übersetzung" bzw. die Frage "Was bedeutet eigentlich übersetzen?" gibt es diverse Ansichten. Aber wie meine alte Lateinlehrerin schon (sinngemäß) sagte: "Bevor man "frei" übersetzen kann, muß man erst einmal ganz genau und im Detail verstanden haben, was da steht. Erst dann kann man nämlich beurteilen, welche Variante im Deutschen einerseits "frei" genug ist, um wie gutes Deutsch zu klingen, und dennoch nicht SO frei, daß sich der Inhalt und Sinn des Gesagten ändern."

Und bei Deiner Übersetzung wird - wie ich zeigte - sehr deutlich, daß Du durchaus nicht nur "kleine stilistische Änderungen" vornimmst, um den Text zu besserem Deutsch zu machen, sondern daß Du offenbar nicht genau erkanntest (erkennst?), was da steht. (Beispiel: "Ich war mir nicht mehr sicher, ob es Traurigkeit oder etwas Anderes war." versus "Kanashii no ka dou ka sae, mou wakaranai." Dein Satz enthält NICHT - nur eben stilistisch leicht verändert - dieselbe Aussage wie der japanische; er enthält EINE ANDERE Aussage. "Massao" meint nicht "bleichblau", sondern "tiefblau" - das ist nicht stilistisch leicht geändert, das ist etwas anderes etc.)

Und daß unnötige "Konkretisierungen" NICHT angebracht sind, darüber sind sich die Übersetzer eigentlich einig. Wenn der Autor eine Sache bis zum jeweiligen Zeitpunkt etwas im Unklaren lassen WILL, dann darf der Übersetzer sich nicht erdreisten, hier schon mal etwas zu "konkretisieren". Gerade beim Übersetzen aus dem Japanischen muß man im Deutschen ohnehin schon oft genug konkreter werden als das Original es ist (z. B. weil man im deutschen Satz nicht einfach ein Subjekt auslassen kann), aber wenn es auch geht, ohne daß man schonmal alles auf den Tisch legt, dann ist das sicher im Sinne des Autors. Und ein Übersetzer ist in erster Linie DEM TEXT verpflichtet. Er soll dem Text dienen, und nicht einen eigenen, anderen erschaffen. Zum "Dienen" gehört, daß er natürlich nach den besten Möglichkeiten sucht, um vom Text so viel es geht in seine Muttersprache zu transferieren, aber es ist ein schlechter "Dienst" an Text und Autor, den Text "besser" machen zu wollen, als der Autor ihn geschrieben hat.

Aber wie gesagt. Durchs Übersetzen kann man wahnsinnig viel lernen. Und solange Du Deine Übersetzung vor allem aus diesem Grunde und weil es Dir Spaß macht anfertigst, wird niemand etwas dagegen haben. Ganz im Gegenteil. Ganbatte ne.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 04.11.05 12:20 von Botchan.)
04.11.05 11:58
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Danieru


Beiträge: 738
Beitrag #74
RE: Daniel In Japan
Hmm...das mit der Zeitform müßte ich mir wohl noch einmal ansehen.
Mit meiner "Konkretisierung" will ich den Text ja in keinster Weise verbessern, sondern sehe ich es eher als eine Möglichkeit, es so ins Deutsche zu bringen / den Text so zu interpretieren.
Das mit dem "bleichblau" ist wohl ein Fehler, der mir da unterlaufen ist.

Kannst ja mal die neueren Kapitel ansehen. Vermutlich findest du dort nicht so viele Schnitzer. Vielleicht sollte ich die ersten beiden mal komplett revidieren.

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04.11.05 12:31
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mizu


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Beitrag #75
RE: Daniel In Japan
@kanjiquäler
Welche Stelle ist denn jezt gemeint, die ach so unlogisch ist?

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(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 07.11.05 11:59 von mizu.)
07.11.05 11:59
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Kanjiquäler


Beiträge: 145
Beitrag #76
RE: Daniel In Japan
Zitat:Um ehrlich zu sein, wirkt Danieru wesentlich reifer und erwachsener, als viele 25 jährigen die ich kenne. Ausserdem hat er sich hier im Forum mit einem sehr umfangreichen Wissen über die japanische Sprache hervorgetan, das doch sehr beeindruckend ist, wenn man bedenkt, dass er ja "nur" ein Jahr im Land war.
Bisher habe ich seine Übersetzung nur überflogen, aber sie scheint sehr atmosphärisch zu sein. In Unkenntnis des Originaltextes kann ich natürlich auch nicht beurteilen, wie gut die Übersetzung den Ton trifft und inhaltlich korrekt ist.
Und selbst, wenn er geplant hätte, seine Übersetzung einem Verlag anzubieten. Warum nicht? Wenn sie zu schlecht wäre, würde sie eben abgelehnt. Mit dem Argument, er sein zu jung und unwissend um sich entsprechend zu bemühen, wären einige Bestseller nie veröffnetlicht worden (es hätte sie nämlich keiner angeboten).
Oh. Ich schreibe zuviel. Und eigentlich habe ich damit ja gar nichts zu tun. Arrrgggghhhhh. Also Schluss jetzt.

Ich denke mal, das war gemeint. Aber wie ich schon sagte, da ist gar kein Widerspruch.
07.11.05 12:08
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mizu


Beiträge: 116
Beitrag #77
RE: Daniel In Japan
Ahhhhhhhh.......
Das ist in der Tat kein Widerspruch.
Das eine ist meine Ansicht (reifer und erwachsener), das andere ist das, was ihm hier in dem ein oder anderen Post "vorgeworfen" wird.

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07.11.05 13:04
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Danieru


Beiträge: 738
Beitrag #78
RE: Daniel In Japan
mizu: Shinobi hielt es für einen Widerspruch, dass du auf der einen Seite das japanische Original nicht kennst, andererseits aber sagst, dass die Übersetzung atmosphärisch ist oder, ganz generell, dir gefällt.

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07.11.05 15:07
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mizu


Beiträge: 116
Beitrag #79
RE: Daniel In Japan
Mir gefällt der Text, so wie er ist. Ob er allerdings eine sinnvolle Übersetzung des Originals ist, kann ich nicht beurteilen. Deshlab kann mir die "Übersetzung" doch trotzdem gefallen.

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07.11.05 15:48
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Kanjiquäler


Beiträge: 145
Beitrag #80
RE: Daniel In Japan
Ach so!? Mizu hatte doch schon im nachfolgenden Satz erklärt, wie das gemeint war bzw. nicht gemeint war.

Zitat:Dann schau mal genau hin, was du schreibst. Notfalls lies es 2x. Wenn du es immer noch nicht siehst, helfe ich dir.

Hätte Shinobi hier einfach erklärt, was sie stört, anstatt ... naja, soll jeder selbst beurteilen, was Shinobi anstatt dessen getan hat ... hätte man sich jetzt eine Menge Posts sparen können.
07.11.05 16:46
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Daniel In Japan
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