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Auswirkungen von Hiroshima / Geschichte
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Nora


Beiträge: 2.091
Beitrag #1
Auswirkungen von Hiroshima / Geschichte
Gerade habe ich eine kleine Arbeit fertiggestellt, die vielleicht für den ein oder anderen hier auch interessant sein könnte. Es handelt sich dabei um das Thema Langfristige Auswirkungen der Atombombe von Hiroshima auf die Umwelt und kann über meine Homepage angesteuert werden. Dort finden sich auch noch weitere Arbeiten über Japan, zum Beispiel über Feuerwaffen im Feudalen Japan und den modernen Gebrauch von Melonen.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 26.04.05 16:14 von Nora.)
26.04.03 08:09
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Jarek


Beiträge: 233
Beitrag #2
RE: Auswirkungen von Hiroshima / Geschichte
Ein überaus gelungener Aufsatz über die Hiroshima-Bombe. Trotz des knappen Formats von wenigen Seiten beleuchtet Nora viele Facetten dieser Tragödie, angefangen bei der Verdrängungspolitik seitens sowohl der Japaner als auch der Amerikaner, über die technischen Aspekte dieser Massenvernichtungswaffe, das Schicksal der Opfer, die Auswirkungen auf die heutige Umwelt bis zu dem obligatorischen Friedensappell. Mitten im Text finden sich Bilder aus H. und Textdokumente (Abwurfsbefehl auf dt.).

Mit Erleichterung habe ich vernommen, dass die heute in H. messbare Strahlung deutlich unter dem Wert der Hintergrundstrahlung (= natürliche Strahlung in der Umwelt) liegt.

Eine ernste politische Aufarbeitung dieses Massenmordes hat nie stattgefunden, auf keiner Seite. Die Amerikaner nennen die bewußte Abschlachtung von paar Hunderttausend Zivilisten eine militärische Notwendigkeit. Weder in den USA, noch in Deutschland oder sonstwo kommt jemand auf die Idee, den US-Präsidenten Truman als das zu bezeichnen, was er ist: Kriegsverbrecher schlimmster Sorte. Übrigens: in seinen Memoiren (d.h. Jahre nach dem Abwurf) nannte er die A-Bombe als "the greatest thing in history". Andererseits war er (neben anderen) für die Befreiung Europas von der Hilter-Mussolini-Diktatur verantwortlich. Andererseits hat er exzellente Beziehungen zum faschistischen Spanien Francos unterhalten. Sehr viele "andererseits"...

Was ich besonders verwerflich finde, ist, dass die Bombe... gar nicht gegen Japan gerichtet war! Sondern gegen die UdSSR. Mit dem Abwurf sollte die UdSSR eingeschüchtert werden (und zusätzlich die Kapitulation Japans vor dem Einmarsch der UdSSR in den Norden Japans vorgezogen werden). Der US-Kriegminister bezeichnete die Auswirkung der Bombe auf das amerikanisch-sowjetische Verhältnis als "Rendite der 2 Mrd $-Investition in die A-Bombe" und als die "Mastercard in der US-UdSSR-Diplomatie".

Andererseits steht Eins außer Zweifel: besässen die Japaner die A-Bombe, hätten sie sie ohne Skrupel gegen US-Städte eingesetzt.

Die politische Situation Japans bleibt weiterhin Besorgnis erregend. Die engen Verflechtungen zwischen der japanischen Wirtschaft, Politik, Polizei und Yakuza bleiben verworren. Nicht nur, dass eine Aufarbeitung der Kriegsschuld nie stattgefunden hat, sondern im Gegenteil - die Politik hält an der Kriegsopferrolle Japans fest. Bspw. beschreiben die Schulbücher den Überfall Japans auf China 1937 folgendermaßen: "Es kam zum Krieg zwischen Japan und China".

Solange Japans politische Elite (alle Prämierminister, Koizumi eingeschlossen), zum Yasukuni-jinja (Yasukuni-Schrein) pilgern und dort den japanischen Hauptkriegsverbrechern jährlich die Ehre erweisen, solange offenbart sich die Unbelehrbarkeit der Ewiggestrigen in der japanischen Führungselite. Auch wenn Koizumi nur eine Marionette im Machtspiel ist: hätte er den Yasukuni-jinja nicht besucht, wäre er heute wahrscheinlich kein Prämierminister mehr.

Was ist der Yasukuni-Schrein? Der Shinto-Schrein beherbergt die Seelen von 2,5 Millionen Soldaten, die in Japans Kriegen gefallen sind. Während des Zweiten WK bildete er das Zentrum der offiziellen Staatsideologie. 1978 führten Priester eine geheime Zeremonie durch und nahmen in den Schrein 14 hochrangige Kriegsverbrecher auf. Sieben von ihnen, darunter der japanische Premierminister während des Krieges, Hideki Tojo, wurden von den Besatzungsmächten gehängt. Die Nachricht von der Aufnahme der Kriegsverbrecher in den Schrein sickerte sechs Monate später durch und provozierte große Empörung, aber die Priester (von den Politikern gedeckt) verweigerten eine Rücknahme. Im Innern des Schreins verweisen Tafeln auf Tojo und die anderen als "Märtyrer", die "von den alliierten Mächten fälschlich beschuldigt" wurden.

Was am schnellsten vergeht, sind die Jahre...
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 21.05.03 13:17 von Jarek.)
21.05.03 11:38
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Nora


Beiträge: 2.091
Beitrag #3
RE: Auswirkungen von Hiroshima / Geschichte
Besonders die Sache mit den Schulbüchern stellt ein großes Problem dar, wie ich finde. So ist es einerseits so, daß das Thema äußerst schonend für die damalige japanische Regierung dargestellt wurde, wie Du schon angemerkt hast, andererseits ist es aber sogar so, daß viele japanische Geschichtslehrer das Thema völlig aussparen, ohne, daß dagegen etwas getan wird. Damit (und durch chronisches Desinteresse, deren Ursachen aber natürlich unter anderem in der japanischen Bildungspolitik zu suchen sind) gibt es auch eine ziemlich umfassende geschichtliche Unbildung in der japanischen Jungend, was eine Unterhaltung auf solchem Gebiet leider oft unmöglich macht. Sogar mit Erwachsenen hatte ich Schwierigkeiten, mich über Politik und Geschichte zu unterhalten. (Bis auf einige unschöne Zusammentreffen, in denen ältere Herren mir von ihren Heldentaten im zweiten Weltkrieg erzählt haben, und daß das eigentlich doch die beste Zeit gewesen sei... traurig )

Zitat:Andererseits war er für die Befreiung Europas von der Hilter-Mussolini-Diktatur verantwortlich.

Ja - er, und die Sowjetmacht, die man da nicht außer Acht lassen sollte.

Zitat:Andererseits steht Eins außer Zweifel: besässen die Japaner die A-Bombe, hätten sie sie ohne Skrupel gegen US-Städte eingesetzt.

Das ist natürlich richtig, auch, wenn es das Einschreiten der US-Amerikaner nicht rechtfertigt. Es gibt sogar Berichte darüber, daß in Japan fieberhaft an der Erstellung einer solchen Bombe gebaut wurde; allerdings (glücklicherweise) ohne Erfolg.

Wie schon in meiner Ausarbeitung erwähnt, ist der Umgang mit dem Thema Zweiter Weltkrieg in Japan eine äußerst heikle Sache. Informationen bekommt man selten, und wenn, dann nur bei sehr zurückhaltender Fragestellung. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß es oft reichlich sinnlos ist, mit provokativen Sätzen wie "Seht ihr nicht, daß ihr Mitschuld tragt?" Gespräche zu führen, weil dann häufig gar keine Antworten mehr kommen. So unbeachtet, wie das Thema jetzt ist (schon wenige Jahre nach dem Krieg erklärte man die Kriegsschuld als "verarbeitet"), kann es natürlich nicht bleiben, und immer wieder gibt es deswegen Konflikte mit China und Korea. Auch die leicht rassistische Einstellung, die heute noch ein Großteil der Japaner vor allem gegenüber Korea haben, ist eine Folge von fehlender Aufarbeitung. Allerdings sehe ich im Augenblick keine Möglichkeit, da irgend etwas zu verändern. traurig
21.05.03 12:31
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Anonymer User
Gast

 
Beitrag #4
RE: Auswirkungen von Hiroshima / Geschichte
Nach einem Besuch der Gedenkstätten und des Museums in Hiroshima war ich überrsascht, wie wenig Negatives über die USA zu hören und zu sehen war. Auch Angaben über die heutigen Werte (Strahlung, Spätfolgen) waren sehr spärlich.
06.06.03 17:09
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Nora


Beiträge: 2.091
Beitrag #5
RE: Auswirkungen von Hiroshima / Geschichte
Ja, das ist mir damals auch aufgefallen. Man wird zwar mit generellen Informationen zur Atombombe überhäuft, aber einige Aspekte werden grundsätzlich ausgelassen. Auch in anderen Museen in Japan habe ich das erlebt. Die Bewertung des zweiten Weltkrieges und dessen Folgen wird eben generell recht konsequent umgangen.
06.06.03 18:04
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Ma-kun
Administrator

Beiträge: 2.020
Beitrag #6
RE: Auswirkungen von Hiroshima / Geschichte
Ironischerweise sind die Amerikaner auch nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung: Man war zu dem Schluß gekommen, daß Japan ohne eine eingespielte Führungsrige nicht regierbar sein und im Chaos versinken würde. Daher hat man mittels rigider Zensur gleich zu Anfang der Besatzungszeit die Entschuldung z.B. des Kaiserhauses vorangetrieben. Die Kaiserfamilie hätte nicht wirklich die Ausmaße des Militärregimes und des Krieges gekannt. Daß dann die einfachen Leute auch nicht gerade eifrig dabei waren, ihre Rolle kritisch zu hinterfragen, liegt nahe. Diese Denktradition fortzuführen ist einfach bequem und passt der LDP durchaus in dem Kram.
Ein sehr gutes Buch ist in diesem Zusammenhang Dower, John W.: Embracing Defeat. Japan in the Wake of World War II, New York 1999.

Dies war mein hunderster Eintrag und er sei der Wahrheit gewidmet. (Nora besteht darauf ;-))
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 06.06.03 18:40 von Ma-kun.)
06.06.03 18:15
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Nora


Beiträge: 2.091
Beitrag #7
RE: Auswirkungen von Hiroshima / Geschichte
Das ist ganz richtig. Ich weiß nicht mehr genau, ob ich das in meinem Hiroshima-Artikel erwähnt habe augenrollen , aber es war zum Beispiel so, daß die USA lange Zeit ein Informationsverbot zu Atombomben über Japan, insbesondere über Hiroshima und Nagasaki, verhängt haben. Erst etwa 15 Jahre später hatte es sich langsam aufgehoben. Aber natürlich ist es eine beidseitige Sache: aktiv von der USA, passiv (oder heute schon nicht mehr passiv) von japanischer Seite.
06.06.03 18:20
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Ma-kun
Administrator

Beiträge: 2.020
Beitrag #8
RE: Auswirkungen von Hiroshima / Geschichte
Sogar heute ruhen noch einige Obduktionsberichte der Toten Hiroshimas und Nagasakis in amerikanischen Archiven. Aber die Japaner haben nun Zugriff darauf. Was ich besonders schlimm an der Politik alles, was mit der A-Bombe zu tun hatte, als top-secret zu behandeln, finde ist, daß auch keinerlei Informationen an Ärzte weitergegeben wurden. Kurz nach dem Abwurf war sogar ein japanisches Forscherteam in Nagasaki und Hiroshima unterwegs, um die Auswirkungen, gerade auf den Körper zu untersuchen. Sie arbeiteten in der Zwischenzeit, in der Japan kapizuliet hatte, die Amerikaner aber noch nicht gelandet waren. Nach der Landung der Amerikaner wurden ihre Ergebnisse, sogar die eingesammelten Leichen konfisziert.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 06.06.03 18:46 von Ma-kun.)
06.06.03 18:46
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Nora


Beiträge: 2.091
Beitrag #9
RE: Auswirkungen von Hiroshima / Geschichte
Zitat:Dies war mein hunderster Eintrag und er sei der Wahrheit gewidmet.
Auf daß sich fortan alle Deine Einträge für eine Gute Sache einsetzen...

Man muß aber auch sagen, daß die japanische Regierung damals gegenüber ihrer Bevölkerung ebenso verschwiegen war; obwohl bekannt war, daß es sich um eine Atombombe handelte, kam das erst mit einer Woche Verspätung in Hiroshima und Nagasaki an, so daß die Menschen entweder dachten, sie seien mit Giftgas oder mit Ruhr-Krankheitserregern bombardiert worden.
07.06.03 09:19
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Ma-kun
Administrator

Beiträge: 2.020
Beitrag #10
RE: Auswirkungen von Hiroshima / Geschichte
Zensur ist eben etwas großartiges. Vor allem dann, wenn sie sogar so gut funktioniert, daß nicht einmal die Befehlshaber die Informationen bekommen. So viel ich weiß, mußten alle Nachrichten aus Ostasien erst über Nagasaki (dort endete auch das Telegraphenkabel aus Korea). Erst nach Grünem Licht aus Nagasaki konnten Informationen, wieder nur über bestimmte Kanäle, nach Tokyo weitergereicht werden, wo sie zuerst die Kommandantur bekam. Dann folgten noch ein paar Zensurinstanzen, dann erst hatten Zeitungen die Chance.
Mit der Zerstörung von Nagasaki und Hiroshima war auch ein wichtiges Glied in der Nachrichtenkette verschwunden. Selbst große Teile des Militärstabes und des Kaiserhauses wußten daher längere Zeit nicht genau, was da eigentlich passiert war.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 07.06.03 10:21 von Ma-kun.)
07.06.03 10:20
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Auswirkungen von Hiroshima / Geschichte
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