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Wie wird man am besten Übersetzer?
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Yano


Beiträge: 2.028
Beitrag #11
RE: Wie wird man am besten Übersetzer?
Naja, das meiste habe ich auch nicht mit Patenten verdient sondern mit anderen Industrieaufträgen. Nicht zuletzt deswegen, weil ich modern ausgerüstet und z.B. einer der ersten war, der in Tokyo in dieser verschnarchten Branche mit Computer arbeitete. Es kam vor, daß unsere am Wapro erstellten Übersetzungen in der Agentur zwar nicht lektoriert aber von Hilfskräften mit Bleistift auf Genko-Yoshi abgeschrieben wurden, weil man andernfalls den Kunden erschreckt hätte.
Aber Patente habe ich immer gerne gemacht, die wurden in den 1990er-Jahren immer leichter zu übersetzen. Ältere Offenlegungsschriften enthalten manchmal sprachliche Schrullen, Dialektausdrücke, und ich habe sie vor allem oft in schwer leserlicher Druckqualität bekommen, im Telefax-Zeitalter.
Und was Du sagst über diesen Steuer- und Bürokratiekram, das ist schon sehr lästig in D. In J war es viel leichter, zumindest ist es in meiner Zeit so gewesen.
Und zu deiner persönlichen Frage: es stimmt schon, ich habe viel gemacht, wo ich nicht dabeigeblieben bin. Ich habe Maurer gelernt, Automechaniker, Diplomsoziologe, Zahntechnik usw.; vielseitig interessiert zu sein, ist aber ziemlich gut, wenn man Übersetzer für eine exotische Sprache sein will, weil da die thematische Bandbreite der Aufgaben viel größer ist als bei irgendeinem indogermanischen Dialekt, wo man sich fachlich spezialisieren muß.
Übrigens hatte ich sehr selten mit so langen Offenlegungsschriften zu tun (oder meinst Du das so, daß auf einem Blatt vier Seiten stehen?). Die allerlängste hatte tatsächlich etwa 20 Seiten, da bin ich allerdings ziemlich ins Schwitzen gekommen. Es ist aber in der Branche bekannt, daß die komplizierten Mechanismen z.B. in der Münzprägetechnik, im Textilmaschinenbau usw. kognitiv besonders herausfordernd sind, darum kann man da Aufschläge verlangen, vor allem dann, wenn andere angefragte Übersetzer schon abgelehnt haben.
Diese extremen Schachtelsätze, die sich tatsächlich über mehr als eine ganze Seite erstrecken können, kann man aufschlüsseln und typographisch durch Einrückungen so darstellen, daß sie für den deutschen Leser verständlich werden, da er sie selektiv in der einen und danach vielleicht nochmal einschließlich einer tieferen Verschachtelungsebene lesen kann und dabei den Überblick darüber behält, in welchem Stockwerk des Satzes er gerade ist. Was ich nicht kann, ist solche Schachtelsätze zu dolmetschen, und wenn ich bei dem Versuch dazu an meine Leistungsgrenzen gegangen bin, dann war - wie Du es ja auch erzählst - irgendwann Schluß, Akku leer im Oberstübchen, danke für den Schnaps, aber auch das bringt mein Hirn heute und morgen nicht mehr auf Normaldrehmoment.
15.04.14 17:13
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Hachiko


Beiträge: 2.529
Beitrag #12
RE: Wie wird man am besten Übersetzer?
Da mir die Gabe nicht gegeben ist lindwurmartige Sätze zusammenzubasteln, frage ich dich nun kurz und bündig,
hast du die damals verdienten Euro 100.000 versteuern müssen.
Möchte dies nur gerne wissen, um zu wissen ob sich diese Schinderei überhaupt lohnt.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 15.04.14 18:05 von Hachiko.)
15.04.14 17:40
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客人
Unregistriert

 
Beitrag #13
RE: Wie wird man am besten Übersetzer?
(15.04.14 17:13)Yano schrieb:  Und zu deiner persönlichen Frage: es stimmt schon, ich habe viel gemacht, wo ich nicht dabeigeblieben bin. Ich habe Maurer gelernt, Automechaniker, Diplomsoziologe, Zahntechnik usw.;
Eine ganz schön breitgefächerte Lebensgestaltung, die Du da auf's Parkett gelegt hast. Ich gehe mal davon aus, dass Du mittlerweile im Bereich des Rentenalters bist.

Ich hab da mit meinen vergleichsweise jungen Jahren eine eher tunnelblickartige Lebensgestaltung hinter mir. Aber nach dem Master kommt dann die Frage was ich machen werden. Mal sehen was ich machen werde. Höchstwahrscheinlich bleib ich bei meinen Leisten - Übersetzer werd ich auf keinen Fall.

Ich bin mal gespannt, wovon ich in 40 Jahren so alles berichten kann. Hoffentlich von genauso vielen Erlebnissen. Dann hat sich das Leben auf jeden Fall gelohnt.

In diesem Sinne
客人
15.04.14 17:46
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Woa de Lodela


Beiträge: 1.539
Beitrag #14
RE: Wie wird man am besten Übersetzer?
(15.04.14 16:56)Kaimei schrieb:  Fazit: Alles schlecht bezahlt, aber mein absoluter Traumberuf...

Es gibt auch Japanisch-Übersetzer in Festanstellung. Aber das sind nur sehr wenige. Da kann man durchaus ganz gut verdienen: Auswärtiges Amt, Bundesprachenamt.

Die EU-Komission (super Gehälter) stellt keine Japanisch-Übersetzer ein, Freelancer für Japanisch brauchen die auch nur ganz wenige. AA und Bundessprachenamt nehmen am liebsten Leute mit einschlägigem Abschluss (Master in Übersetzen), für gängige Sprachen (EN, FR, ES, IT) sogar nur. Da es solche Studiengänge für Japanisch aber kaum gibt, laden die auch mal Japanologen zum Einstellungstest ein (und der ist schwer). Übersetzer werden übrigens immer und überall getestet, der Master reicht denen nicht als Nachweis, dass man es kann. Und üblich ist es auch, dass man mind. zwei Fremdsprachen beherrscht, nicht nur eine (jetzt nur auf die "besseren" festen Stellen bezogen).

Und du bist also 14 und machst in zwei Jahren dein Abitur? Dann wärst du ja schon mit 21 mit deinem Master fertig.
15.04.14 18:38
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Yano


Beiträge: 2.028
Beitrag #15
RE: Wie wird man am besten Übersetzer?
(15.04.14 17:40)Hachiko schrieb:  hast du die damals verdienten Euro 100.000 versteuern müssen.

Erstens ist Übersetzen keine Schinderei, sondern Studium, das ist für den europäischen Kulturkreis keine Schinderei, für den fernöstlichen ist das ein bissi anders.
Zweitens habe ich das, glaubich schon mal erzählt. Im Vergleich zu J ist das Steuersystem für Freiberufler in D schrecklich. Freiberufler gelten dem deutschen Steuersystem als Schädlinge, dem japanischen (damals) als Leistungsträger.
Ich habe erzählt, daß ich mehrere Berufe erlernt habe, aber es ist keine Verwaltungstätigkeit dabei. Wer Verwaltungstätigkeiten in D nicht mag/kann wird fast wie ein Verbrecher behandelt. Damals, für die 100.000 in Deutschland, habe ich gar nicht mal so sehr viel Steuern bezahlt, sondern den Reibach hat der Steuereinnehmer ("Steuerberater") gemacht.
15.04.14 19:28
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Woa de Lodela


Beiträge: 1.539
Beitrag #16
RE: Wie wird man am besten Übersetzer?
(15.04.14 19:28)Yano schrieb:  Erstens ist Übersetzen keine Schinderei, sondern Studium, das ist für den europäischen Kulturkreis keine Schinderei, für den fernöstlichen ist das ein bissi anders.

Wieso ist das Studium? o_O

Ich wollte noch hinzufügen, dass die von 客人 beschriebene Situation (fundierte Fachkenntnisse, N1, dann halbes Studium in Japan, dann immer noch schwer) ein durchaus realistisches Szenario für angehende Übersetzer ist. N1-Niveau ist wirklich die absolute Mindestanforderung, um anschließend drauf aufbauen zu können. Einige meinen ja, N1 sei unheimlich abgefahren wegen der antiquierten Grammatik und den krassen Kanji und N2 oder gar N3 reiche doch schon, um Übersetzer zu werden. So was liest man immer mal wieder im Netz, auch auf Internetpräsenzen von angeblichen Übersetzern ("JLPT 1 in Vorbereitung"). Dann besser gar nichts sagen.
16.04.14 08:30
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L4D


Beiträge: 385
Beitrag #17
RE: Wie wird man am besten Übersetzer?
Wie wird man am besten Übersetzer?

Am besten gar nicht. Wie die Anderen schon geschrieben haben ist die Bezahlung schlecht und das Einkommen unsicher. Zudem empfinde ich die Arbeit als einsame, monotone Schufterei, schlimmstenfalls ärgert man sich noch über den Inhalt der zu übersetzenden Texte. Ich fühle mich als Angestellter jedenfalls wesentlich wohler.

And so castles made of sand fall in the sea - eventually ...
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 17.04.14 16:15 von L4D.)
17.04.14 16:14
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Yano


Beiträge: 2.028
Beitrag #18
RE: Wie wird man am besten Übersetzer?
Als freier Übersetzer brauchst du dich nicht über den Inhalt der Texte ärgern. Du hast keinen Abteilungsleiter, nur Kunden. Du kannst sagen, sorry I don't play that und druckdi, Kundschaft.
Monoton, hm, zunächst ist monoton, daß du kaum mal unterbrochen wirst, sondern autonom pausieren kannst. Manchmal habe ich tage- und nächtelang in Klausur gearbeitet, also ohne Außenkontakt, Telefon, Türklingel aus, Briefkasten bleibt zu. Meine Kunden hatten Verständnis für meine schlechte Erreichbarkeit.
Monoton ist daß man nicht mit vielen Leuten zu tun hat, aber für manche Leute ist genau das richtig.
Mancher Übersetzer für eine seltene Sprache muß einen sehr weiten Themenbereich bearbeiten. Da bist du heute mit gesetzlichen Richtlinien für Gastankstellen befaßt, morgen mit Rattenbekämpfung, tags drauf mit der langatmigen Firmenphilosophie, die der altgewordene Gründer seinen Leuten hinterläßt, dann wieder hast du Programmiererdialoge, Musikkritiken, Arztrechnungen und was nicht alles, auch eine Sammlung schmutziger Witze habe ich schon mal für die japanische Playboy-Ausgabe übersetzt.
Aber natürlich stimmt der Grundsatz: wenn man es nicht kann, nicht lernen mag, nicht tun muß, dann kann mans ja bleiben lassen.
17.04.14 16:50
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yamada


Beiträge: 957
Beitrag #19
RE: Wie wird man am besten Übersetzer?
(17.04.14 16:14)L4D schrieb:  schlimmstenfalls ärgert man sich noch über den Inhalt der zu übersetzenden Texte.
Manchmal ärgert mich nicht der Inhalt sondern ein Satz selbst schon wie z.B. folgender:
Hier können es sich die Besucher nach allen Regeln der individuellen Wohlfühlkunst gut gehen lassen!
18.04.14 09:35
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Yano


Beiträge: 2.028
Beitrag #20
RE: Wie wird man am besten Übersetzer?
(18.04.14 09:35)yamada schrieb:  Hier können es sich die Besucher nach allen Regeln der individuellen Wohlfühlkunst gut gehen lassen!
Geschwurbel von Werbetextern. In J wird man ja auch viel vom Geschwurbel der Werbetexter belästigt.
Da der Satz lediglich die Information "gut" enthält, kannst du auf Japanisch etwas zusammenschustern, das ebenso mit modischen Wohlfühlwörtern gespickt ist und hinsichtlich der Länge einigermaßen hinkommt.
18.04.14 13:02
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Wie wird man am besten Übersetzer?
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