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schöne japanische Geschichte zum Erwachsenwerden
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adv


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Beitrag #21
RE: schöne japanische Geschichte zum Erwachsenwerden
(12.04.08 02:49)sora-no-iro schrieb:Meine Meinung:
Mir scheint das Ichro's Urteil wie Paradox aus. Damit können die beiden Seiten nicht mehr ihre Richtigkeit behaupten. Wenn man dagegen gut behaupten könnte, muss man es mit Ironie bestreiten.
Dieser Kritiker findet da einen buddhistischen Einfluss, doch denke ich nicht so.
Wie findest du denn?

Hallo sora-no-iro,

ich glaube schon, das "Die Eicheln und der Luchs" zutiefst die buddhistische Weltsicht
von Miyazawa Kenji wiedergeben. Miyazawa war, als er die Geschichte schrieb
schon seit Jahren der 日蓮-Sekte beigetreten, die die reine Lehre im Lotussutra,
妙法蓮華経 dargestellt sieht, die Nembutsu-Praxis (Rezitieren des 南無妙法蓮華経)
in den Vordergrund stellt und vor allem die intellektuell orientierte buddhistische Schulen - ähnlich dem Zen - ablehnt.

Zur Geschichte:

Ichirou folgt seinem Weg unbeirrt, welche verschiedene Richtung auch Kastanie,
Wasserfall, Pilze oder Eichhörnchen ihm nennen.
Eine Kern-Interpretation des Lotussutra ist: "Wenn Du etwas tust, dann tue es einfach".
Letztendlich geht es hier um den "ursprünglichen Zustand", in dem die
Dualität von Subjekt und Objekt aufgelöst ist.

(btw: Interessant, das er nach Osten geht - ein alter Mann wäre er vermutlich
nach Westen gegangen. Letztendlich aber ist die Richtung egal.)

In der Gerichtsverhandlung über die Eicheln fällt Ichirou spontan das einzige
"richtige" Urteil, denn alle Vorstellungen und Ideale der Eicheln - Größe, Ebenmäßigkeit,
Kraft etc. - sind nur Anhaftungen, Staub der den Geist vernebelt.
Ichirou schlägt vor "den Allerunbedeutensten, den Dümmsten, der es zu nichts
gebracht hat" zum Besten zu erklären und der Luchs folgt ihm.
Scheinbar paradox, aber nur scheinbar: Dieser "Dümmste" nämlich macht
sich die wenigsten Gedanken und ist deshalb seinem Ziel am nächsten.
Nach 日蓮 war die Frage "Wie befreit man sich vom Denken, das verhindert, das
der Geist leer wird?", da er, ähnlich den Zen-Schulen, lehrte, das erst das Denken
selbst die Grundursache alles Leidens schafft.

Nach dem Urteil verstummen die Eicheln, deren Bewußtsein durch die sechs Stäube,
六塵, so stark getrübt ist, das sie ihren ursprünglichen Geist nicht erkennen können.
Dahinter steckt der Gedanke, das der Geist, frei von Staub, alles wie ein Spiegel
reflektieren würde, womit die Dualität von Innen und Außen aufgehoben wäre...
Wenn man die Interpretation auf die Spitze treiben wollte, wäre mit dem
Schweigen und Zusammenrücken der Eicheln möglicherweise der erste Schritt zur
Erkenntnis eingeleitet. ..aber vielleicht geht das zu weit.

zum Schluß:

Ichirous Belohnung - die goldenen Eicheln - verwandeln sich wieder in einfache,
braune Eicheln zurück - und vom Luchs kommen auch keine Karten mehr.

Ob goldene oder braune Eicheln, zuletzt sind sie nur bedeutungslose Erscheinungen.
Karten vom Luchs kommen wohl keine mehr, weil Ichirou jetzt an sie denkt
und sie damit erwartet (Auf dem Bodhisattva-Weg, um auf Fischers Vorbemerkung
einzugehen, hat er damit noch ein Stückchen vor sich.).

(btw: sind Bodhisattvas keine "Anwärter auf die Buddhaschaft" - aber das
ist wieder ein anderes Thema und der Beitrag hier nun eh schon ziemlich lang geworden...)

.. .. soweit also mein Gedanken und Versuche der Interpretation.

edit: RS, + wieder gekürzt
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 23.04.08 23:13 von adv.)
23.04.08 10:24
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sora-no-iro
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Beiträge: 1.208
Beitrag #22
RE: schöne japanische Geschichte zum Erwachsenwerden
@adv,
zuerst freut es mich sehr, dass du so viel an dieser Geschichte gedacht hast. Nur damit bin ich zufrieden und möchte nichts mehr sagen. Aber ich muss hier noch etwas sagen, um die Missverständnis zu vermeiden.

Ich weiß schon, dass seine Werke unter dem Einfluß des Buddhismus sind. Allerdings wollte der Dichter seine Gedanken in dieser Geschichte nicht erklären, denke ich. Diese Geschichte wurde für die Kinder geschrieben. Z.B. wenn man diese erörtern muss, kann man den Einfluß nicht ignorieren. Jedoch als eine Erläuterung im Buch ist es nötig?
Meiner Meinung nach soll man sie nur einfach als ein Märchen lesen. Da kann ich nur eine Allegorie von dem buddhistischen Geist finden und ohne diese Information kann man sie gut verstehen. Deshalb habe ich geschrieben, "doch denke ich nicht so".

Doch doch muss ich betonen, dass ich dein Gedanken und Versuche der Interpretation gerne lesen. Mein Gedanke ist für die Anfänger. Mit dir kann ich eine weitere Diskussion machen und dann können wir eine produktive Kritik haben. Aber wenn wir es machen wollen, sollen wir per KN darüber disktieren. Es soll sehr lange Diskussion werden.

Ich danke euch! Es ist mir glücklich, dass ich hier über Kenji Miyazawa so viel disktieren kann.

Denn zur Verödung unseres modernen Lebens gehört es, daß wir alles fix und fertig ins Haus und zum Gebrauch bekommen, wie aus häßlichen Zauberapparaten.
Elias Canetti: Die Stimmen von Marrakesch
24.04.08 08:02
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Beitrag #23
RE: schöne japanische Geschichte zum Erwachsenwerden
@sora-no-iro: In der Einleitung zum Gasthaus mit den vielen Namen schreibt Miyazawa
"wünsche ich Ihnen, das diese Handvoll kleiner Geschichten am Ende klare, echte
Nahrung für Sie werden möge." Deshalb denke ich das die Geschichten sowohl
für Kinder als auch Erwachsene geschrieben wurde. Kinder mögen die Märchen dann
ebenso wie mancher Erwachsene mit Freude lesen und als Märchen betrachten.
Andere mögen darin Tiefes ausloten oder über den Symbolgehalt nachdenken.
Vielleicht zeichnet das einen guten Autor und gute Geschichten aus,
das sie viele ansprechen und vielen Vieles geben können. Mich erinnern diese Märchen
zB auch an die Märchen von Hermann Hesse, die man ebenfalls sowohl als
schöne, interessante Geschichte lesen, als auch lange und tief darüber nachdenken
kann. So habe ich auch manches von Hesse als Jugendlicher als interessante
Lektüre verschlungen und Jahre später staunend, viel Neues entdeckend, wieder
gelesen. Gerne können wir darüber via KN weiter diskutieren.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 24.04.08 11:38 von adv.)
24.04.08 11:37
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yamaneko


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Beitrag #24
RE: schöne japanische Geschichte zum Erwachsenwerden
und ich habe eine PN von sora-no-iro mit einer anderen Geschichte bekommen
neko no jimusho
http://www.nsknet.or.jp/~iida/62/sakuhin/neko/neko5.htm

@adv
Mein Wissen vor der Lektüre deines Beitrags: der yamaneko ist mir unsympathisch, weil er ein Angeber ist, weil er den höflichen japanischen Knaben zwingt, ein Geschenk anzunehmen, das dann wertlos war. Der Held der Geschichte hatte Freude an seinem Erfolg, aber mit den Eicheln in der Hand und der Sehnsucht nach einer neuerlichen Einladung ist er schließlich doch zu bedauern.
Falsche Wildkatze, schenkt statt goldene Eicheln nur gewöhnliche, verschwindet ohne Verabschiedung. Die Moral von der Geschichte?
Ohne den adv.wäre ich enttäuscht geblieben.

(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 24.04.08 11:46 von yamaneko.)
24.04.08 11:44
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sora-no-iro
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Beitrag #25
RE: schöne japanische Geschichte zum Erwachsenwerden
@adv
Ja, gerne. Hermann Hesse ist auch mein Lieblingsautor. grins

Denn zur Verödung unseres modernen Lebens gehört es, daß wir alles fix und fertig ins Haus und zum Gebrauch bekommen, wie aus häßlichen Zauberapparaten.
Elias Canetti: Die Stimmen von Marrakesch
24.04.08 14:33
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Beitrag #26
RE: schöne japanische Geschichte zum Erwachsenwerden
(24.04.08 11:44)yamaneko schrieb:... der yamaneko ist mir unsympathisch, weil er ein Angeber ist, weil er den höflichen japanischen Knaben zwingt, ein Geschenk anzunehmen, das dann wertlos war..... Der Held der Geschichte hatte Freude an seinem Erfolg, aber mit den Eicheln in der Hand und der Sehnsucht nach einer neuerlichen Einladung ist er schließlich doch zu bedauern.
Falsche Wildkatze, schenkt statt goldene Eicheln nur gewöhnliche, verschwindet ohne Verabschiedung.

Die Welt ist voller falscher Luchse, oft an entscheidenden Stellen.
..und falsche "goldene" Eicheln werden uns auch ständig angeboten.
Ich glaube Ichirou wird da keinen Schaden genommen haben - der
300 rotbehosten Eicheln wegen, war sein Handeln ja nicht umsonst.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 24.04.08 16:34 von adv.)
24.04.08 16:33
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yamaneko


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Beitrag #27
RE: schöne japanische Geschichte zum Erwachsenwerden
Hallo Kage, etwas viel zum yamaneko und ich fühle mich "schuldig" daß wir so weit weg von deiner Anfrage gekommen sind.
Kennst du Genjimonogatari als Mangaversion? Ich bin gerade dabei (weil oojika das Buch in Japan gekauft hat, ich habe es aus der Bibliothek der japanischen Botschaft) und Genji jammert, daß er erwachsen wird (mit 12 Jahren) und das ist ihm nicht recht.

25.04.08 10:02
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yamaneko


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Beitrag #28
RE: schöne japanische Geschichte zum Erwachsenwerden
und was ich noch geschrieben habe bekam die Mitteilung, daß ich etwas falsch mache. Ich versuche es noch einmal, was den Genji gestört hat:
Das war vor
元服
げんぷく
名・ス自
(hist.) [1] Zeremonie beim Erreichen des Mannbarkeitalters (bei der der der junge Mann neue Kleidung bekam, die Haare frisiert und er gekrönt wurde; für Söhne des Hof- und Schwertadels). [2] Abrasieren der Augenbrauen, Färben der Zähne und Binden der Haare zu einem Haarknoten (einer Frau nachdem sie geheiratet hat; in der Edo-Zeit).
→ げんぶく
Ende der Rechte eines Kindes - die Angebetete kam hinter
みす (御簾)
みす 名
(schriftspr.) Bambusvorhang

und er wurde verheiratet. Du siehst, ich suche Vokabeln! Bin aber einmal nicht OT
yamaneko
grins
Edit: hinter genfuku war eine eckige Klammer und darin war eine Zahl. Die Mitteilung war, daß Klammer b Syntax falsch war. So lernt man dazu.

(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 25.04.08 10:12 von yamaneko.)
25.04.08 10:08
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Beitrag #29
RE: schöne japanische Geschichte zum Erwachsenwerden
@kage: d'accord. Um Gut und Böse geht es hier und auch den anderen Geschichten,
die ich bisher von Miyazawa gelesen nie. Mit "falsch" meinte ich mehr, das nicht alles
immer "nur" das ist, was es scheint. ;-)

@yamaneko: "schuldig" solltest Du dich nicht zu fühlen, ist doch interessant sich hier,
über die Geschichte, und wie unterschiedlich sie aufgenommen wird,
zu unterhalten.
25.04.08 10:42
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sora-no-iro
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Beitrag #30
RE: schöne japanische Geschichte zum Erwachsenwerden
Zitat: Und dafür fehlt uns anderen das Verständnis oder die Bildung, oder wieso dürfen wir da eure Gedanken nicht erfahren?
@Kage
Es tut mir leid, gestern habe ich diesen Satz nicht gelesen. Gomennasai! Ich wollte per KN darüber weiter diskutieren, denn ich habe gedacht dass du es vielleicht langweilig findest und unsere Diskussion enthält eventuell OT.
Aber glücklicherweise war es ein bisschen anders. Deine Meinug interessiert mich sehr.
Ich bin der Meinung, der Luchs ist scheu. Trotz seisen autoritären Reden sieht er arrogant aus, aber er ist wirklich nicht so.
In einer Nacht ging es so weit hier. Endlich kann ich hier dazu schreiben.

Denn zur Verödung unseres modernen Lebens gehört es, daß wir alles fix und fertig ins Haus und zum Gebrauch bekommen, wie aus häßlichen Zauberapparaten.
Elias Canetti: Die Stimmen von Marrakesch
26.04.08 06:59
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schöne japanische Geschichte zum Erwachsenwerden
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