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Das heisse Thema Fukushima
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Nia


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Beitrag #91
RE: Das heisse Thema Fukushima
Ich lese gerade etwas von einem Erdbeben mit Tsunamiwarnung in der Gegend.

“A poet is a musician who can't sing.”
― Patrick Rothfuss, The Name of the Wind
11.07.14 23:18
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chochajin


Beiträge: 357
Beitrag #92
RE: Das heisse Thema Fukushima
Ja, heute um ca. 4:20 Uhr (japanischer Zeit) gab es ein M6.8 Erdbeben, das einen kleinen Tsunami auslöste.
Zum Glück hat dieser keinen großen Schaden angerichtet und die Atomkraftwerke laufen normal.

Leben und Reisen in Japan: https://zoomingjapan.com

Verkaufe mehrere 100 Sachen direkt aus Japan: http://chochajin.livejournal.com/261458.html
12.07.14 04:05
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Nia


Beiträge: 3.656
Beitrag #93
RE: Das heisse Thema Fukushima
Gut zu wissen. grins

“A poet is a musician who can't sing.”
― Patrick Rothfuss, The Name of the Wind
12.07.14 12:59
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Kikunosuke


Beiträge: 136
Beitrag #94
RE: Das heisse Thema Fukushima
Ein paar Gedanken zur Situation an der Ostkueste, ich bin in den letzten Tagen von Hachinohe ueber Miyako, Kamaishi, Kesennuma, Ishinomaki, Matsushima, Soma und Iwaki die ganze Strecke runter.

- Zwischen Kesennuma und Ishinomaki hat sich im letzten Jahr nicht so viel getan (den Bereich kannte ich schon). An den besonders stark betroffenen Stellen mit Tsunamihoehen von 10 Metern und mehr wird der Boden enstprechend erhoeht. Wem so ein Schwachsinn eingefallen, was man macht wenn der naechste Tsunami 20 Meter hoch wird, wer da mal wieder hinziehen soll, darauf haben auch die Ortsansaessigen keine Antwort. Japanische Infrastrukturpolitik nach Art Tanaka Kakuei, mit dem Betonmischer alles zuschuetten und gut ists.
- Der Ersatzverkehr durch Busse funktioniert problemlos, an der Kuestenstrasse sind sehr viele LKWs mit Schuettmaterial unterwegs
- Die Staatsstrasse 6 ist im 帰還困難区域 (bei dem Wort koennte ich schon jedesmal Kotzen, aber gut, Entfremdungszone wie in Tschernobyl ist auch nicht besser) schon seit Monaten frei befahrbar. Man wird allerdings angehalten die Fenster zu schliessen, auf Umluft zu schalten und im Sperrgebiet nicht zu stoppen. An mehreren Stellen sind Displays mit dem aktuellen Strahlungslevel, der Bus zwischen den Bahnhoefen Haranomachi und Tatsuta hat ebenfalls ein Dosimeter an Bord, max. waren es hier an der Kreuzung zu Fukushima Daiichi 7,5 Mikrosievert/h.
- Alle abgehenden Strassen in der Sperrzone sind verriegelt und mit Jedirittern bestueckt
- Auf einem Parkplatz eines ehemaligen Supermarktes nahe der Abzweigung zu Daiichi war grad Morgenapell, ca. 200 Leute in grauen Arbeitsoveralls, fuer die gings dann wohl ins AKW zum saubermachen
- Man hat auch in der Sperrzone und darumherum den Abraum vom Tsunami beseitigt, da liegt nichts mehr rum, die Haeuser sind aber unveraendert zerstoert
- In Tatsuta stiegen ca. 80 Leute aus dem von Mito kommenden Zug aus, und dann etwas abseits vom Bahnhof in zwei Busse ohne Aufschrift ein. Fast ausschliesslich Maenner mit schlechten Zaehnen und ausgemergelten Gesichtern. Inwieweit das jetzt die beruechtigten von der Yakuza angeworbenen Tagloehner sind, kA, die kaemen aber eher nicht mit dem Zug.
- Kurz nach dem Bahnhof Tatsuta ist die Bahnstrecke zugewachsen, schaetze mal nicht dass es da noch irgendwelche Plaene fuer eine Wiederinbetriebnahme gibt
14.10.15 16:38
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yamaneko


Beiträge: 2.622
Beitrag #95
RE: Das heisse Thema Fukushima
Recht bedrückend, aber interessant.
帰還困難区域
帰還 きかん (n,vs) (f) Rückkehr; (f) Heimkehr; (f) Repatriierung; (f) Rückkopplung; heimkehren; repatriiert werden
困難 こんなん (adj-na,n) (1) (f) Schwierigkeit; Problem; (2) (f) Mühe; Leid; (f) Mühsal; (f) Not; (f) Verlegenheit; (f) Bedrängnis; schwierig; schwer; mühsam; problematisch; lästig; unangenehm; (P)
区域 くいき (n) (m) Bezirk; (m) Bereich; (f) Zone; (P)
区 く (n) (1) (f) Zone; Gebiet; (2) (m) Bezirk (nach dem (n) Gesetz über die lokale Selbstverwaltung); (m) Verwaltungsbezirk; (3) (m) Bezirk; (4) (z.B.)(m) Schulbezirk; (P)

Zitat: Kikunosuke - schrieb Heute 16:38
Inwieweit das jetzt die beruechtigten von der Yakuza angeworbenen Tagloehner sind, kA, die kaemen aber eher nicht mit dem Zug.

kA für kratz
LG
yamaneko

(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 14.10.15 18:52 von yamaneko.)
14.10.15 18:31
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Kikunosuke


Beiträge: 136
Beitrag #96
RE: Das heisse Thema Fukushima
kA = keine Ahnung.

Bei 帰還困難区域 ging es mir nicht um das Wort an sich, sondern um den aetzenden Euphemismus. Aber gut, so sind sie halt, die Einwohner von Cipangu.
16.10.15 09:52
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adv


Beiträge: 960
Beitrag #97
RE: Das heisse Thema Fukushima
(14.10.15 16:38)Kikunosuke schrieb:  .. An den besonders stark betroffenen Stellen mit Tsunamihoehen von 10 Metern und mehr wird der Boden enstprechend erhoeht. Wem so ein Schwachsinn eingefallen, was man macht wenn der naechste Tsunami 20 Meter hoch wird, wer da mal wieder hinziehen soll, darauf haben auch die Ortsansaessigen keine Antwort. Japanische Infrastrukturpolitik nach Art Tanaka Kakuei, mit dem Betonmischer alles zuschuetten und gut ists. ..

Sorry , aber das kann man pauschal wirklich nicht so stehen lassen. Nicht jede Aufschüttung ist Schwachsinn und nicht jedes Infrastrukturprojekt von korrupten Politikern gesteuert.
Ich habe mich selber genug über die Arroganz der zentralistischen Politik geärgert, die den Leuten z.b. an etlichen Orten sinnlos hohe Schutzwälle vor die Nasen bauen will und im Falle des Widerstand dagegen droht, dem Ort jegliche finanzielle Förderung zu entziehen.
Aber es gibt inzwischen etliche Orte, wo auf kommunaler Ebene tolle Arbeit geleistet und wirklich gut durchdachte neue Strukturen geschaffen werden. Geographisch bedingt, kann man auch nicht überall in höherer Lage bauen und wenn muss meist aufwendig terrassiert werden. Japan ist schließlich nur ein Gebirge, das aus dem Meer heraus schaut. ;-)

Als ein Beispiel will ich hier nur Rikuzentakata erwähnen, wo ich seit 2011 inzwischen als Freiwilliger erst bei den Aufräumarbeiten unmittelbar nach der Katastrophe, später bei versch. Wiederaufbauprojekten mehrfach mitgeholfen habe. Riku wurde vom Tsunami zu 80% zerstört und von den 20.000 Menschen, die im März 2011 hier lebten, starben über 1500 Menschen und die meisten leben, sofern sie nicht ganz weggezogen sind, auch 4 Jahre später immer noch in temporären Siedlungen.

Um den Ort wieder aufzubauen und vor zukünftigen Flutkatastrophen besser gewappnet zu sein, wird Rikuzentakata inzwischen auf der Grundlage eines neuen Flächennutzungsplanes vollständig verändert wieder aufgebaut.

[Bild: R1.jpg]

Kernstück der neuen Stadtplanung ist es, reine Wohngebiete nur noch in höher gelegenen Lagen zuzulassen. Zugleich wird der besonders gefährdete, meeresnahe Bereich großflächig aufgeschüttet. Hinter dem von zuvor 5,5 auf 12,5 m zu erhöhenden Tsunami-Schutzwall soll eine ca. 500 m breite, 125 ha große Parklandschaft ("Tsunami-Memorial-Park") angelegt werden, die als potentielle Überschwemmungsfläche von jeder Bebauung freigehalten wird.
Dem Tsunami-Schutzdamm soll ein ca. 100m breiter baumbestandener Uferstreifen vorgelagert werden, um dem Bauwerk die Gewalt zu nehmen. Wie manche vielleicht wissen, war hier mal einer der schönsten Strände mit 70.000 Kiefern direkt hinter dem Strand. Von den 70.000 Kiefern hat eine, schwer geschädigt überlebt. Der Stand ist im Meer versunken, da sich der Boden ~1 Meter abgesenkt hat.

[Bild: Kiefer.JPG] Die letzte Kiefer April 2014

Landeinwärts schließen sich dann erst Mischgebiete mit Handel, Gewerbe und Industrie an, die, mit ansteigender Geländehöhe, in reine Wohngebiete bzw. Gebiete mit öffentlichen Einrichtungen übergehen. Grob schematisiert sieht das dann so aus:

[Bild: R2.jpg]

Als Ersatz für die in tieferen Lagen aufgegebenen Wohngebiete werden in den angrenzenden Hängen und Bergen der Stadt durch Geländeeinebnung überschwemmungssichere Bauplätze sowohl für neue Privathäuser als auch für den öffentlichen Wohnungsbau geschaffen. Zur Zeit wird dort gleichzeitig an etwa 150 Baustellen gearbeitet.
Zur Aufschüttung des unteren Teils von Rikuzentakata auf durchschnittlich 11 m über Meereshöhe wird dabei der Sand und Erdboden verwendet, der bei der Terrassierung neuen Baulandes in angrenzenden Hängen und Bergen anfällt. Material was also sowieso fortgeschafft werden muß, wird damit an anderer Stelle sinnvoll verwendet.

Da die notwendige Umlagerung von 5 Millionen m³, bei einem konventionellen Transport mit LKW ca. 9 Jahre gedauert hätten, hatte sich die Stadtverwaltung von Rikuzentakata zu einem anderen Weg entschlossen. Inspiriert von Techniken, die schon beim Bau des Kansei-Flughafens verwendet wurden, wurde ein großräumig Transportsystem angelegt, auf dessen Förderbändern der Erdaushub von angrenzenden Bergen in das aufzuschüttende, tiefer gelegene Gebiet befördert wurde.
Mit dem Bau des Förderbandsystems wurde Ende März 2014 begonnen. Als ich einen Monat später in Rikuzentakata war, war das Transportsystem schon auf einer Länge von mehr als 1 km ausgebaut und im Juli 2014 war mit 3 km der Endausbau 3 km erreicht.
Über mehrere Verteilerpunkte wurde der angelieferte Sand dann auf die verschiedene Teilflächen verteilt, dabei wurden auf den Förderbändern bis zu 100 Kubikmeter pro Minute bewegen. Insgesamt konnte die Umlagerungszeit gegenüber einem üblichen LKW-Transport von 9 Jahren auf 1,5 Jahre verkürzt werden, was in Anbetracht des Elends von Tausenden immer noch in temporären Siedlungen wohnenden Leuten ein großer Erfolg ist.
Seit ein paar Tagen sind alles Aufschüttungsarbeiten im unteren Teil von Riku abgeschlossen und die Förderbänder werden jetzt abgebaut.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 16.10.15 23:15 von adv.)
16.10.15 22:20
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cat


Beiträge: 867
Beitrag #98
RE: Das heisse Thema Fukushima
Danke für den detaillierten und aufschlussreichen Bericht!
17.10.15 13:43
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frostschutz
Technik

Beiträge: 1.644
Beitrag #99
RE: Das heisse Thema Fukushima
Bei YouTube habe ich diesen Drohnenrundflug entdeckt. Wow, ein Wahnsinn...




Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Sobald man aufhört, treibt man zurück.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 17.10.15 14:12 von frostschutz.)
17.10.15 14:11
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Nia


Beiträge: 3.656
Beitrag #100
RE: Das heisse Thema Fukushima
Danke für den interessanten Einblick bzw. Fortsetzung, von der einzigen überlebenden Kiefer hattest du uns schon mal berichtet.
An die konnte ich mich noch entsinnen.

“A poet is a musician who can't sing.”
― Patrick Rothfuss, The Name of the Wind
17.10.15 19:49
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Das heisse Thema Fukushima
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