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Hiroshima-Gedenktag
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Bodo


Beiträge: 58
Beitrag #1
Hiroshima-Gedenktag
Ich lese gerade in einem Veranstaltungsmagazin meiner Heimatstadt Hannover (=Partnerstadt von Hiroshima) von mehreren (unvermeidlichen) Gedenkveranstaltungen in der Stadt am 6.8. - von einer Andacht im "Hiroshima-Gedenkhain" bis zum Wasserlassen - Verzeihung hoho : ZUwasserlassen von Friedens-Papierlaternen auf dem Rathausteich.

Ehrlich gesagt finde ich dieses Gedächtnis-Getue schon etwas übertrieben, und als ich auf dem alljährlichen japanischen Sommerfest in unserem Stadtpark mal wieder vor einem Tisch mit Origami-Friedenskranichen stand, wünschte ich mir, Überlebende z. B. des Massakers von Nanking würden zur Abwechslung mal einen Tisch daneben stellen - und darüber berichten, was man alles Schreckliches mit KONVENTIONELLEN Waffen anstellen kann. WENN schon Friedensbewegung, dann bitteschön auch mit Darstellung der VORgeschichte der Atombomben, die schließlich nicht so einfach vom Himmel gefallen sind (andernfalls wäre das nichts anders, als wenn ältere Dresdener mit einer Ausstellung über die Schrecken der Phosphorbombe durch die Welt tingelten - ohne darauf einzugehen, wie es zum Bombardement ihrer Stadt im 2. Weltkrieg gekommen ist).

Und dann würde ich gern mal sehen, wie die anwesenden Japaner aus der Wäsche schauen würden.zwinker

P.S.: Gibt es eigentlich irgendwelche Filmaufnahmen der von "Pengin-chan's" (=Hirohitos) Armee verübten Kriegsgräuel?

Wäre jedenfalls mal ein interessantes Kontrastprogramm zu dem Film "Gebet einer Mutter", der "zur Feier des Tages" im Rathaus gezeigt werden soll. zwinker
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 06.08.08 10:29 von Bodo.)
04.08.08 23:16
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Tenshi


Beiträge: 120
Beitrag #2
RE: Hiroshima-Gedenktag
Auf Phönix oder Arte kommt am Mittwoch etwas über Nanking. Gestern kam eine fast 4 stündige Reportage über Hiroshima und Nagasaki, ich hab mir eben die Aufzeichnung zuende angesehen...

"Licht und Dunkel stehen einander gegenüber,
Jedoch hängt das eine vom anderen ab,
Sowie der Schritt des rechten Beines von dem des linken."
04.08.08 23:20
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Lori


Beiträge: 533
Beitrag #3
RE: Hiroshima-Gedenktag
Japaner ignorieren die eigene Rolle im zweiten Weltkrieg recht erfolgreich. Erwarte nicht, dass sich irgendjemand fuer Nanking interessiert.

http://japanbeobachtungen.wordpress.com

05.08.08 02:11
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Botchan


Beiträge: 642
Beitrag #4
RE: Hiroshima-Gedenktag
Der TV-Sender ARTE bringt am 6.8. um 22:20 eine Dokumentation zum
Nanking-Massaker.

Einige Einzelheiten sind dem Nachrichtendienst der OAG Tokyo zu entnehmen:

http://www.oag.jp/news/nachrichten-ueber...ter-nr-37/
05.08.08 08:19
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Bodo


Beiträge: 58
Beitrag #5
RE: Hiroshima-Gedenktag
(05.08.08 02:11)Lori schrieb:Japaner ignorieren die eigene Rolle im zweiten Weltkrieg recht erfolgreich. Erwarte nicht, dass sich irgendjemand fuer Nanking interessiert.
Na ja, immerhin beinhaltet eine Gedenktafel in dem eingangs erwähnten Hiroshima-Gedenkhain ein Eingeständnis der Kriegsschuld Japans.

Und laut Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Friedensmuseum_Hiroshima) soll am Ort des Grauens auch der japanische Militarismus kritisiert werden.

Am interessantesten fand ich aber, in einem Buch über Japan kürzlich über einen langjährigen Bürgermeister ausgerechnet von Nagasaki zu lesen (http://en.wikipedia.org/wiki/Motoshima_Hitoshi bzw. http://ja.wikipedia.org/wiki/%E6%9C%AC%E...E7%AD%89), der sich mit den folgenden Äußerungen nicht gerade beliebt machte bei manchen seiner Landsleute (und sich speziell für seine Schuldzuweisung an "Pengin-chan" alias Shōwa Tennō einen Schuss von der Uyoku einhandelte, den er glücklicherweise überlebte):

「原爆は落とされるべきだった」

「原爆が日本に対する報復としては仕方がなかった」

P.S.: Danke für die TV-Tipps! grins
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 05.08.08 08:39 von Bodo.)
05.08.08 08:38
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adv


Beiträge: 958
Beitrag #6
RE: Hiroshima-Gedenktag
@Bodo: Hiroshima wurde und wird auch hier im Forum sicher weiter heftig, emotional
und kontrovers diskutiert und wer die Vorgeschichte dabei ignoriert, ist sicher auf
mehr als einem Auge blind.

Was mich in Hiroshima, sowohl an der Gedenkstätte als auch in vielen Gesprächen
mit Leuten, die dort den Atombombenabwurf überlebt und unter teils schlimmsten
Anstrengungen die Toten und Verletzten aus den Trümmern gezogen und die Sterbenden
versorgt haben, am tiefsten beeindruckt hat, war, das gerade diese Menschen im
Angesicht des Grauens, keine Schuld und Schuldigen und nichts mehr aufzurechnen
suchten.

Auch in den Gedenkstätten wirst Du vergebens Schuldzuweisen finden, sondern nur
den tiefen Wunsch, das sich solches Grauen nicht wiederholen möge. Im Kampf gegen
die Verwendung von Atomwaffen von "Gedächtnis-Getue" und "um die Welt tingeln" zu
sprechen trifft, freundlich gesagt, sicher nicht den Kern der Dinge.

In diesem Zusammenhang interessant, die Aktivitäten Hideto Sotobayashis, der sich
letztes Jahr entschieden hatte, doch noch von seinen Erlebnissen in Hiroshima, die
er über 50 Jahre zu verdrängen versucht hatte, zu berichten und zur Erinnerung und
Warnung, eine Initiative gegründet hat, um, unweit jener Villa, wo im Sommer 1945 die
Viermächte-Konferenz tagte und Truman vermutlich den Befehl zum Bombenabwurf
gab, in Potsdam am Hiroshima-Platz einen Gedenkstein zu errichten.

Eben hatte ich noch einen Artikel davon aus der taz gefunden:

http://www.taz.de/regional/berlin/aktuel...2dc0434a12

Niemand stellt in Abrede, das mit konventionellen Waffen unverstellbare Grausamkeiten
begangen wurden und weiter begangen werden.
Die "neue Qualität" der Atombomben besteht jedoch darin, das sie noch "effektiver"
sind, da sie noch mehr Menschen mit einem Schlag töten, verstümmeln oder nach, teil
noch vielen Jahrzehnten qualvoll an Krebs dahinsiechen lassen.

Wer mal in Hiroshima ist, sollte sich auch mal die Bilder der Frauen anschauen,
in deren Rücken sich die Blumenmuster ihrer Kimono eingebrannt hatten.
Oder der Menschen deren Haut sich in Fetzen, vom ganzen Körper ablöste,
bevor sie verendeten.

Zynismus ist hier fehl am Platz.

PS: Ein Zipfel des Grauens, das die jap. Armee in Südostasien anrichtete,
erschließt sich einem beim Lesen des autobiograhischen Romans von
Ōoka Shōhei, der als jap. Soldat auf den Philippinen engesetzt
war.

http://www.amazon.de/Feuer-im-Grasland-S...3458166033
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 05.08.08 14:52 von adv.)
05.08.08 10:10
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Bodo


Beiträge: 58
Beitrag #7
RE: Hiroshima-Gedenktag
Zitat:was für ein bescheuerter Titel für dieses Thema!
Finde ich überhaupt nicht - er gibt nur wieder, wie ich persönlich diesen Erinnerungskult wahrnehme. Oder weißt du etwas davon, dass am morgigen 5.8. in Japan nicht nur der Opfer der Atombombenabwürfe, sondern auch der nichtjapanischen Opfer des immerhin von Japan begonnenen Krieges gedacht würde?
Falls ja, bitte hier einen entsprechenden Link posten.

Aber eine interessante Reaktion: Ich hätte eher von Japanern selbst erwartet, dass sie sich auf den Schlips getreten fühlen (was mir relativ egal wäre, solange in diesem Land Meinungsfreiheit herrscht. Lediglich als Gast in Japan wäre ich da evtl. etwas diplomatischer, v.a. natürlich gegenüber Atombombenopfern selbst).

Meine frühere japanische Brieffreundin übrigens hat mir Kritik in dieser Richtung nicht übelgenommen, mir vielmehr berichtet, dass man im japanischen Geschichtsunterricht (der '80er Jahre - ich weiß nicht, ob sich da etwas geändert hat) sehr viel über Nazi-Deutschland erfährt, aber nur sehr wenig über die eigene jüngere Vergangenheit.

Darüber hinaus las ich kürzlich im Wikipedia-Artikel zum Massaker von Nanking, dass Japan nach wie vor Dokumente unter Verschluss hält, die es Historikern erlauben würden, die Zahl der Opfers dieses Ereignisses (bisher gibt es nur Schätzwerte - ca. 200.000 sollen umgebracht worden sein) genauer zu bestimmen. Hat man da etwa was zu verbergen?

Zitat:willst du mit einem flappsigen "aber guckt mal, was die Japaner alles schlimmes angestellt haben" das Grauen der Atombomben auf Hiroshima UND Nagasaki (die 2. Stadt geht immer ein bisschen unter) aufrechnen und abgelten?
Flapsig schon mal gar nicht, nur in Relation setzen zu all dem, was die Armee des kleinen "Göttersohns" im Frack so veranstaltet hat. DU magst es "aufrechnen" nennen - ICH halte es für ein Gebot der Ehrlichkeit bzw. UN-Einseitigkeit, auch die andere Seite der Medaille zu sehen.

Und dabei gehe ich noch nicht mal so weit wie der oben zitierte ehemalige Bürgermeister von Nagasaki, der meinte, die Atombomben hätten abgeworfen werden "müssen".

Zitat:Mich kotzt dieses ganze Gerede an von wegen "Die Atombomben waren notwendig, um den Krieg zu beenden" und "Im Krieg kann man nicht zimperlich sein" und eben "die Japaner waren auch keine Menschenfreunde" an.
Ich wette, es würde Frauen in den Nachbarländern Japans, die das "Vergnügen" hatten, für die Soldaten der "göttlichen" Yamato-Rasse die Beine zu spreizen, auch ankotzen, würden ihnen jemand von der Uyoku kaltschnäuzig ins Gesicht sagen, "im Krieg kann man nicht zimperlich sein - da kommt sowas halt vor".

Mein Vorschlag an dich: Schließ dich doch mit ein paar "Hiroshimanern" zusammen und zieh mit einer Wanderausstellung über die Schrecken der Atombombe u. a. durch Korea und China (Nanking nicht vergessen!) - und berichte dann mal über die Reaktionen dort. zwinker

Zitat:man kann nur weinen wenn man sieht, was für ignorante Menschen Verantwortung tragen und Entscheidungen fällen dürfen
Weinst du auch über die ignorante Gunbatsu und deren Marionette (oder eher aktiven Unterstützer?) Hirohito? zwinker
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 05.08.08 22:05 von Bodo.)
05.08.08 19:39
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Ma-kun
Administrator

Beiträge: 2.020
Beitrag #8
RE: Hiroshima-Gedenktag
Interessantes und kompliziertes Thema. Wie für die Themen zu Kiresgsschuld und der Rolle Japans im Zweiten Weltkrieg, gelten hier die "verschärften" Forumsregeln: nur sachliche Argumente, keine übereilten Antworten, keinerlei Spekualtionen über die Teilnehmer der Diskussion. Die Überschrift zu dem Thema finde ich grenzwertig. Sie drückt zwar Deine Meinung aus, Bodo, lädt aber weniger zur Diskussion als zum Polarisieren ein. Wie wäre es stattdessen mit "Gedenken Hiroshima - Tag der nationalen Selbstbeweinung oder angemessenes Gedenken?" Enthält immer nich Deine Meinung, ist aber offener.

Nun mein kurzer Beitrag zur Diskussion:
- Der Atombombenwurf auf Hiroshima und Nagasaki markiert einen wichtigen historischen Punkt. Hier hat das Töten eine neue Qualität bekommen, in einem einzigen Augenblick wurde eine Stadt weggeblitzt - und damit begann das Sterben erst. Die Überlebenden, denen bald die Haut vom Leibe fiel oder die erst lange Zeit später an Krebs erkrankten, ja selbst die Gesunden, die mit Ausgrenzung leben mussten - ihr ganzes Leben ist durch einen kurzen Moment in der Geschichte in neue, oft bittere Bahnen gelenkt worden. Ein solcher Tag, ein solches Ereignis muss in Erinerung bleiben.
- Leben gegeneinander aufzuwiegen halte ich für unmöglich. In Hiroshima und Nagasaki verloren viele Menschen gewaltsam ihr Leben. Ihrer kann man trotz der vielen ungesühnten Verbrechens des Zweiten Weltkriegs gedenken, ohne deren Opfer zu beleidigen.

- Ich hatte nie den Eindruck, dass in Hiroshima die Opferkarte ausgespielt wurde. Ich habe mir den Friedenspark angesehen: er ist ein sehr friedlicher und schöner Ort. Im Museum wird die Zerstörung dokumentiert und ausdrücklich eine Zukunft des friedlichen Miteinanders gefordert. Das Museum geht nicht auf die japanischen Kriegsverbrechen ein, aber das scheint mir auch nicht der Zweck weder dieses Museums noch des Gedenktages zu sein. Der Zweck ist aufzuzeigen, zu welcher Zerstörung der Mensch fähig ist und wie wichtig es ist, nach Frieden zu streben.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 06.08.08 11:41 von Ma-kun.)
05.08.08 22:38
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Bodo


Beiträge: 58
Beitrag #9
RE: Hiroshima-Gedenktag
Zitat:Das Museum geht nicht auf die japanischen Kriegsverbrechen ein
Dann steht in der Wikipedia also Quark? http://de.wikipedia.org/wiki/Friedensmuseum_Hiroshima :

"Im Vergleich zu einem anderen japanischen Museum, dem Yasukuni-Schrein in Tokio, zeigt das Friedensmuseum ein differenziertes Bild der eigenen (japanischen) Geschichte und kritisiert insbesondere den japanischen Militarismus." (?)
05.08.08 22:47
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Landei


Beiträge: 283
Beitrag #10
RE: Hiroshima-Gedenktag
Es gibt im Museum (vorsichtige) Kritik am Militarismus. Es wird auch auf die Gründe und "Auswahlkriterien" der Atombombenabwürfe eingegangen. Aber der Hauptinhalt ist die Darstellung der Auswirkungen, und die werden einem *sehr* deutlich gemacht.

Meine Meinung zum Thema ist, dass man das Ganze differenziert betrachten muss. Die Amerikaner hatten beim "Inselspringen" hohe Verluste, die Japaner kämpften oft bis zum letzten Mann. Die Verluste bei einer Invasion in Japan wären astronomisch gewesen, und außerdem drohte sich die Sowjetunion einzuschalten. Natürlich ist es dann naheliegend, die "neue Waffe" einzusetzen. Über die Wirkung wussten die Amerikaner nicht genau Bescheid (vor allem von den Langzeitschäden) - wie Pläne, die Bombe zum "Freiräumen" einer Invasionszone zu nutzen, deutlich zeigen. Für weitere Tests fehlte nicht nur die Zeit, sondern vor allem das Material. Das soll allerdings keine Entschuldigung sein. Vor allem der Abwurf der zweiten Bombe kann - nachdem die Auswirkung der ersten Bombe bekannt war, und ohne irgendeine Reaktion der Japaner abzuwarten - nur als Kriegsverbrechen angesehen werden.

Wenn's einfach wär', könnt's jeder - 難しくなければ、誰もが出来る
05.08.08 23:40
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Hiroshima-Gedenktag
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