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Adjektive
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Botchan


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Beitrag #21
RE: Adjektive
Ja, das ist eine Sache der Definition. Es gibt zur Erklärung der Adverbien in der Germanistik v. a. zwei Modelle. (Das ist z. B. einer der Fälle, bei denen unser grammatisches Modell, das für die lateinischen Sprache entwickelt wurde und dort absolut eindeutig ist, bei der Übertragung auf das Deutsche zu Zweifelsfällen und Meinungsverschiedenheiten führt.)

Das klassische Modell, nach dem ich mich in Anlehnung an die meisten Standardwerke zur deutschen Grammatik richte, besagt, daß es zwei Arten von Adverbien gibt: "Ursprüngliche" Adverbien (wie z. B. sofort, heute, immer, hier, jetzt) und "abgeleitete" Adverbien ("abgeleitet" deshalb, weil man sie als von Adjektiven stammend betrachtet; z. B. das "schnell" in dem Satz "Peter läuft schnell".)

Das modernere Modell, das auch in dem von dir genannten Link angewandt wird, läßt als Adverbien nur noch die ursprünglichen Adverbien gelten. Die abgeleiteten Adverbien werden zu den Adjektiven gerechnet. [Nebenbei: Ich wundere mich ein bißchen, daß die auf dieser Seite das modernere Modell verwenden. Es handelt sich doch um eine russische Seite, und im Russischen selbst gibt es - soweit ich informiert bin - keinen Zweifel am klassischen Modell...]

Das modernere Modell hat zwei Vorteile:
1) Man kann völlig problemlos und ohne jedes Nachdenken erkennen, welches Wort ein Adverb ist, denn z. B. "jetzt" ändert sich niemals. Es ist und bleibt ein Adverb, ganz egal, wo es steht.
2) Man muß sich bei weitergehenden Erklärungen nicht damit aufhalten, stets zwischen zwei Kategorien (ursprünglich/abgeleitet) zu differenzieren, was natürlich die Erklärungen vereinfacht. [Allerdings andererseits bei den Adjektiven die Erklärungen verkompliziert!]

Das moderne Modell hat aber auch entscheidende Nachteile:
1) Es kann keine objektiv nachvollziehbare Erklärung dafür bieten, wieso "jetzt" in dem Satz "Peter läuft jetzt" zu einer anderen Wortart gehören soll als "schnell" in dem Satz "Peter läuft schnell". Beide Wörter sind indeklinabel und beide Wörter werden in exakt derselben Funktion - nämlich als Adverbiale Bestimmung - verwendet.
2) Sie postuliert damit für die deutsche Grammatik einen Sonderfall und koppelt sie so von den Grammatiken der übrigen indo-europäischen Sprachen ab, in denen in aller Regel die regelmäßige Ableitung der abgeleiteten Adverbien aus Adjektiven auch an der Form gut belegt und nachvollziehbar ist, z. B. (engl.) strong > strong-ly, (lat.) fort-is > fort-iter usw. usf. (Nebenbei: Sogar im Japanischen kann man das gut erkennen, z. B. tsuyo-i > tsuyo-ku.)

Fazit: Bei dem Wort "schnell" in dem Satz "Peter läuft schnell" kann man also - je nachdem, welches Modell man zugrunde legt - verschiedene Ansichten über die Wortart vertreten, zu der es gehört. Nach der klassischen Theorie ist es ein abgeleitetes Adverb und nach der moderneren Theorie ein adverbial verwendetes Adjektiv. Bei dem Wort "schnell" in dem Satz "Peter ist schnell" (oder eben bei "blau" in "Das Papier ist blau") sind sich aber alle Modelle absolut einig. Das ist und bleibt nichts anderes als ein Adjektiv.


Und weil ich gerade beim Erklären bin, füge ich auch den Rest noch dazu, obwohl ich damit fast Takeru-kuns Hausaufgaben mache und förmlich sehen kann, wie einige mit den Augen rollen, weil ich ihrer Meinung nach wieder zuviel des Guten tue:

Adverb ist eine Wortart. Adverbiale Bestimmung (auch Adverbiale genannt) ist ein Satzglied, und zwar das Satzglied, das ein Vollverb-Prädikat (nicht etwa "sein"!) hinsichtlich der Umstände (Zeit, Ort, Grund, Art und Weise, ...) näher erläutert.

1) Als Adv. Bestimmung kann ein ursprüngliches Adverb fungieren, z. B. Peter läuft jetzt.
2) Als Adv. Bestimmung kann ein abgeleitetes Adverb fungieren, z. B. Peter läuft schnell.
3) Als Adv. Bestimmung kann ein Substantiv (meist mit, seltener ohne Präposition) fungieren, z. B. Peter läuft durch den Wald. Peter läuft drei Stunden (lang).


Die Vertreter der Wortart Adjektive können im Deutschen in drei Funktionen auftauchen.

1) Als Bestandteil eines zusammengesetzten Prädikats ("zusammengesetzt" deshalb, weil Adjektive in dieser Funktion mit einer Form des Hilfsverbs "sein" zusammen vorkommen), z. B. Peter ist schlau. [Nebenbei: Eine Form von "sein" kann allein kein Prädikat bilden, denn ein Prädikat ist definiert als "Aussage über das Subjekt". Was aber soll "ist" für eine Aussage über Peter sein? (Es sei denn, man deutet das "sein" hier im philosophischen Sinne à la "Ich denke, also bin ich". Aber das ist ein Sonderfall, in dem man "sein" mit einer Vollverbsbedeutung, nämlich der von "dasein" oder "existieren", ausstattet.) In allen anderen Fällen muß zu Formen von "sein" stets ein weiteres Wort, das sog. Prädikatsnomen, treten, um ein Prädikat - also eine Aussage über das Subjekt - bilden zu können, z. B. ein Substantiv (Ich bin Lehrerin) oder ein Adjektiv (Ich bin dumm). Auch von dieser Warte her läßt sich erklären, warum das "blau" in "Das Papier ist blau" kein Adverb sein kann. Denn in jedem vollständigen Satz muß es mindestens Subjekt und Prädikat, den sog. Satzkern, geben. Wenn "blau" jetzt ein Adverb sein soll, dann bleibt für das Prädikat nur "ist" übrig, und das erfüllt - wie erwähnt - nicht die Definition für ein Prädikat. Nur in Kombination mit "blau" wird es zu einer Aussage über "das Papier" und somit zu einem Prädikat.]
2) Als Attribut (= nähere Erläuterung zu einem Substantiv), z. B. Der schlaue Peter ist mein Freund. (Nicht irgend ein Peter, sondern eben der schlaue Peter.)
3) Als Prädikativum im engeren Sinne, z. B. Peter kehrt schlau aus der Schule zurück. Ein Prädikativum im engeren Sinne ist ein Satzglied, das zwar formal wie eine Adverbiale Bestimmung verwendet ist (also beim Prädikat steht, indeklinabel ist usw.), jedoch inhaltlich nicht so sehr die Vollverbs-Handlung als vielmehr - in der Art eines Attributs - ein Substantiv, genaugenommen das Subjekt näher erläutert. Im genannten Beispiel sagt ja "schlau" nicht so viel über die Handlung des "Zurückkommens" aus, als vielmehr über das Subjekt Peter, nämlich dahingehend, daß er jetzt schlau ist. Das Prädikativum im engeren Sinne nimmt also eine Zwischenstellung ein: formal ist es eine Adverbiale Bestimmung, inhaltlich jedoch eher ein Attribut. [PS: Die Verwendung des Terminus Prädikativum ist auch wieder ein strittiges Thema in der Germanistik, das in der lateinischen Grammatik absolut eindeutig ist. Aber das lateinische Modell paßt eben nur im Lateinischen perfekt...]
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 22.09.04 19:21 von Botchan.)
22.09.04 09:38
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Anonymer User
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Beitrag #22
RE: Adjektive
:l0a_d1v: Beitrag von:"Johannes" Schnell in "schnell laufen" ist ein Adverb. Schnell in "schnell sein" ist ein Adjektiv. Prädikative Adjektive (z.B. interessant sein, kulg sein etc.) werden mit "sein" gebildet. Die Adverbien stehen grobgesagt immer mit anderen Verben, wie hier z.B. "laufen".
22.09.04 09:40
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Bitfresser


Beiträge: 1.702
Beitrag #23
RE: Adjektive
Danke Botchan. Gerade das mit dem Hilfsverb war eine wirklich erhellende Erklaerung in meinem Kopf. Jetzt sehe ich's etwas klarer.

Aber noch eine weitere Anmerkung zu dem modernen und klassischen Modell:
Zitat:1) Es kann keine objektiv nachvollziehbare Erklärung dafür bieten, wieso "jetzt" in dem Satz "Peter läuft jetzt" zu einer anderen Wortart gehören soll als "schnell" in dem Satz "Peter läuft schnell". Beide Wörter sind indeklinabel und beide Wörter werden in exakt derselben Funktion - nämlich als Adverbiale Bestimmung - verwendet.
Ich denke es ist deshlab ein Unterschied, weil man "schnell" steigern kann:
Peter laeuft am schnellsten. --> hoert sich gut an
Peter laeuft am jetztesten. --> hoert sich nicht so gut an

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22.09.04 12:42
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X7Hell


Beiträge: 671
Beitrag #24
RE: Adjektive
@Takeru
Mein Versuch es dir kurz und einleuchtend zu erklären:
Für die Unterscheidung Adjektiv/Adverb ist weniger ausschlaggebend, wo es steht, sondern was es bestimmt:
Ein Adverb bestimmt ein Verb näher (wie/wo/wann/etc. mache ich etwas?), ein Adjektiv bestimmt ein Nomen näher (wie ist etwas?)
Zur Stellung (hat Johannes schon gesagt, aber egal):
Wenn das Adjektiv beim Nomen steht, ist es attributiv gebraucht.
Steht das Adjektiv beim Hilfsverb sein, ist es prädikativ gebraucht.
22.09.04 12:43
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Botchan


Beiträge: 642
Beitrag #25
RE: Adjektive
@Bitfresser

Zitat:Gerade das mit dem Hilfsverb war eine wirklich erhellende Erklaerung in meinem Kopf.

Das freut mich. Dann war die Tipperei nicht umsonst. Hier noch einmal die Quintessenz zum Thema "Prädikat": Es gibt grundsätzlich zwei Typen von Prädikaten im Deutschen.
1) "einfache" Prädikate - bestehen aus einer konjugierten Form eines Vollverbs (Vollverb ist definiert als Verb mit eigenständiger Bedeutung), z. B. Er läuft.
2) "zusammengesetzte" Prädikate - bestehen aus einer konjugierten Form des Hilfsverbs "sein" und einem sog. Prädikatsnomen* (in der Regel ein Substantiv oder Adjektiv), z. B. Sie ist Lehrerin. Ich bin dumm. - Das Hilfsverb "sein" besitzt (außer im Falle seiner Verwendung im Sinne von "dasein", "existieren") keine eigenständige Bedeutung - enthält also keine Aussage. Da ein Prädikat per definitionem aber eine Aussage über das Subjekt machen muß, benötigt "sein" unbedingt die Ergänzung durch ein Prädikatsnomen, um eine solche Aussage - und damit ein Prädikat - bilden zu können.

____
*) Nach manchen Grammatiken auch "Prädikativum (im weiteren Sinne)" genannt. Da haben wir wieder die 'Anpassungsschwierigkeiten' des lateinischen Modells.


Und zu der Steigerungsgeschichte:

Stimmt. Man kann die abgeleiteten Adverbien genauso steigern wie die Adjektive, von denen sie stammen; die ursprünglichen Adverbien kann man meist (!) nicht steigern. Das ist definitiv ein Unterschied - und eben eine der Sachen, bei denen man dann differenzieren muß, wenn man - im klassischen System - über Adverbien spricht. Es gibt aber auch bei den ursprünglichen Adverbien welche, die man (meist unvollständig) steigern kann, z. B. oft - öfter.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 22.09.04 15:10 von Botchan.)
22.09.04 12:44
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Bitfresser


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Beitrag #26
RE: Adjektive
Kommen wir doch mal auf das Japanische zu sprechen.
Wie ist das hier mit den Adjektiven und Adverbien?
Ein 形容詞(Keiyoushi) wird ueber wegschneiden von (i) und anhaengen von (ku) zum Adverb.
Ein 形容動詞(Keiyoudoushi) wird durch simples anhaengen vin (ni) zum Adverb.
Wie sieht es dann bei woertern wie 今(ima) aus. Das verwirrt mich jetzt ein bischen.

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22.09.04 13:01
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Botchan


Beiträge: 642
Beitrag #27
RE: Adjektive
"Ima" zählt im Japanischen weder als Adjektiv noch als Adverb, sondern als Nomen. Deswegen wird es mit "no" attribuiert.
Für die japanische Kategorisierung der einzelnen Wörter ist es völlig schnurz, als was ihre deutschen Entsprechungen in der deutschen Grammatik gelten. Im Deutschen ist "jetzt" ein Adverb, aber im Japanischen ist "ima" ein Nomen. Man kann eben die grammatischen Systeme nicht-verwandter Sprachen nicht auf einen Nenner bringen (und selbst bei verwandten Sprachen gibt es - wie gezeigt - durchaus Probleme).
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 22.09.04 13:13 von Botchan.)
22.09.04 13:05
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Bitfresser


Beiträge: 1.702
Beitrag #28
RE: Adjektive
Dann kann man lediglich Keiyoushi und Keiyodoushi zu Adverbien machen. Nichteinmal mit Rentaishi duerfte das gehen, wenn ich das aus folgenden Thread richtig verstanden habe:
showthread.php?tid=1598

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22.09.04 13:11
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Botchan


Beiträge: 642
Beitrag #29
RE: Adjektive
Korrekt. (Auch wenn ich in dem genannten Thread nichts dazu gesagt hatte, ob man aus Rentaishi Adverbien basteln kann.)
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 22.09.04 13:57 von Botchan.)
22.09.04 13:12
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Bitfresser


Beiträge: 1.702
Beitrag #30
RE: Adjektive
Nun, das war auch nur geraten, aber wenn man kono als Adverb schreiben koennte, muesste es nach meiner Auffassung eine eigene Form haben. Es sei denn es ist eine Ausnahme. Aber im Japanischen lern man ja die Ausnahmen immer zuerst. Folglich gibt es das nicht hoho grins hoho grins hoho

二進数字暴食人

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22.09.04 14:44
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Adjektive
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